Willkommen in der Bewertungsrepublik

Ihr Leben erhält 4,7 Sterne
Es war ein schöner Dienstag, als mir klar wurde, dass ich versagt habe.
Nicht als Mensch. Nicht als Bürger. Sondern als Kunde. Der Fahrer, der mich vom Flughafen nach Hause gebracht hatte, wartete nämlich noch immer – Handy in der Hand, hoffnungsvoller Blick im Rückspiegel. Fünf Sterne oder Ruin, das konnte man förmlich in seinen Augen lesen. Ich gab vier. Es war die mutigste Entscheidung meines Jahres.
Wir leben in der Bewertungsrepublik. Und das meine ich nicht als Metapher, sondern als traurige Tatsache des modernen Alltags. Früher bekam man Sterne höchstens am Weihnachtsbaum oder vom Lehrer für ein ordentlich geschriebenes Diktat. Heute erhält man sie überall – und verteilt sie auch überall, mit der lässigen Selbstverständlichkeit eines mittelalterlichen Königs, der Gnade walten lässt.
Hotels: Sterne. Restaurants: Sterne. Ärzte: Sterne. Handwerker: Sterne. Arbeitgeber auf Kununu: Sterne, und zwar besonders viele von ehemaligen Mitarbeitern, die beim Abgang die Büropflanze mitgenommen haben. Selbst Beerdigungsunternehmen haben mittlerweile Google-Bewertungen. Drei von fünf Sternen: „Mein Mann ist leider trotzdem nicht wieder aufgestanden. Enttäuschend."
Das Perfide an der Bewertungsgesellschaft ist ihre demokratische Verkleidung. Alle dürfen mitmachen! Jeder hat eine Stimme! Das klingt wunderbar, bis man sich fragt, wer eigentlich bewertet. Die Antwort: Menschen, die gerade nichts Besseres zu tun haben, und Menschen, denen etwas gewaltig gegen den Strich gegangen ist. Der zufriedene Durchschnittskunde bewertet nämlich gar nichts. Der sitzt zu Hause, ist halbwegs glücklich und schaut Fernsehen. Den hört man nie.
Man hört stattdessen Hartmut, 54, der im Restaurant eine Viertelstunde auf sein Schnitzel gewartet hat und es „absolut inakzeptabel" fand. Und man hört Britta, die beim Arzt zehn Minuten im Wartezimmer saß – zehn Minuten! – und nun öffentlich warnt: „Null Respekt für die Zeit der Patienten. Nie wieder."
Hartmut und Britta formen unsere Wirtschaft. Man sollte ihnen eigentlich dafür danken.
Dabei ist die Bewertungsskala an sich schon eine kleine philosophische Katastrophe. Fünf Sterne bedeuten „perfekt". Vier Sterne bedeuten eigentlich „sehr gut" – werden aber vom System als stille Kritik gewertet, als hätte man jemandem ins Gesicht gespuckt. Drei Sterne gelten als vernichtend. Zwei Sterne als Kriegserklärung. Einen Stern vergibt man nur, wenn der Fahrer einen absichtlich im Regen stehen gelassen hat oder die Pizza aus Pappe bestand – und zwar nicht aus dem Boden.
Das Resultat: Alle haben 4,7 Sterne. Überall. Immer. Eine Welt aus lauter 4,7-Sterne-Erlebnissen, in der man längst nicht mehr unterscheiden kann, ob der Klempner wirklich gut ist oder einfach seine Verwandten gebeten hat, ihm schnell ein paar Bewertungen zu schreiben.
Nun ist der konsequente nächste Schritt nur eine Frage der Zeit: die Bewertung des Menschen selbst.
Stellen Sie sich vor: eine kleine digitale Anzeige, eingeblendet über jedem Kopf. Sichtbar für alle, aktualisiert in Echtzeit, gespeist aus Tausenden kleiner Alltagsbegegnungen.
Drei Sterne für Freundlichkeit beim Bäcker. Vier Sterne für pünktliches Erscheinen beim Zahnarzttermin. Fünf Sterne für die Steuererklärung, rechtzeitig abgegeben, ohne Erinnerungsschreiben vom Finanzamt. Einen Stern, weil man im Supermarkt mit dem Einkaufswagen jemandem in die Fersen gefahren ist – und dann auch noch „Entschuldigung" gemurmelt hat, anstatt es wirklich zu meinen.
Das Arbeitsleben würde sich grundlegend verändern. Vorstellungsgespräche würden überflüssig. Man schaut einfach auf die Stirn des Bewerbers: 4,2 Sterne, Bewertungen aus dem letzten Urlaub, dem Sportverein und von der Ex-Schwiegermutter. Eingestellt. Oder eben nicht.
China hat übrigens bereits damit experimentiert. Sozialkreditsystem heißt das dort. Wir haben es natürlich kritisiert, mit großem Nachdruck und vielen Talkshows. Und dann haben wir Uber, Airbnb, Lieferando und Kununu erfunden – und machen im Prinzip genau dasselbe, nur mit schönerem Design und der festen Überzeugung, dass es bei uns irgendwie anders ist.
Es ist nicht anders.
Was bleibt? Die Erkenntnis, dass wir uns in einer Welt eingerichtet haben, in der jeder alles bewertet, niemand mehr einfach nur lebt, und das große Ziel des modernen Menschen die makellose 5,0 ist – unerreichbar, weil immer irgendein Hartmut lauert.
Mein persönliches Leben hätte übrigens, wäre es bewertbar, vermutlich 3,8 Sterne. Abzug für den leicht unaufgeräumten Schreibtisch, die zu spät abgegebene Steuererklärung und die Tatsache, dass ich dem Fahrdienstfahrer neulich nur vier Sterne gegeben habe.
Er hat mir seitdem nicht verziehen. Ich weiß es, weil er mich beim letzten Mal wieder ein bisschen zu weit links abgesetzt hat.
Vier Sterne, natürlich.
Pep Ironie – weil das Leben eine 4,7 verdient. Nicht mehr. Nicht weniger.
Foto: KI




