Infantino dreht weiter

Bald dauert eine WM bis zur Rente
Es gibt Menschen, die hören auf, wenn sie den Gipfel erreicht haben. Und dann gibt es Gianni Infantino. Der steht auf dem Gipfel, bestellt noch einen Kran und fragt: „Geht da oben vielleicht noch ein Stockwerk drauf?“
Die Fußball-Weltmeisterschaft war früher ein Turnier. Heute ist sie eher ein Langzeitprojekt. 1930 nahmen 13 Mannschaften teil. Inzwischen sind es 48. Und weil Größenwahn bekanntlich keine Bremse kennt, sollen es 2030 gleich 64 Nationen werden. 128 Spiele. Zwei bis zweieinhalb Monate Fußball. Wer das Eröffnungsspiel sieht, muss sich für das Finale vermutlich schon den Winterurlaub freinehmen.
Bald wird die WM nicht mehr zwischen Bundesliga und Champions League stattfinden, sondern zwischen zwei Bundestagswahlen.
Natürlich wird das Ganze als Fortschritt verkauft. Mehr Nationen, mehr Vielfalt, mehr Emotionen. Das klingt ungefähr so überzeugend wie die Werbung eines Schnellrestaurants, das erklärt, warum der Doppel-Doppel-Mega-Burger mit dreifacher Soße eigentlich gesünder sei: Da ist schließlich Salat drauf.
Besonders kreativ ist die Idee, die WM auf drei Kontinenten auszutragen. Spanien, Portugal, Marokko – und zur Feier des hundertjährigen Jubiläums noch schnell drei Spiele in Südamerika. Das ist ungefähr so logisch, als würde man den Berlin-Marathon starten lassen, nach zehn Kilometern einen Abstecher nach Buenos Aires machen und im Tiergarten ins Ziel laufen.
Die Fans dürfen sich freuen. Nicht nur auf Fußball, sondern auch auf Jetlag als neue Disziplin. Wer alle Spiele live sehen möchte, benötigt künftig keinen Fan-Schal mehr, sondern einen Vielfliegerstatus und einen persönlichen Klimaforscher.
Besonders beeindruckend ist die wirtschaftliche Vernunft hinter dem Ganzen. Stadien werden für Hunderte Millionen Euro modernisiert oder sogar komplett neu gebaut – teilweise für genau ein einziges WM-Spiel. Das erinnert an jemanden, der für den Sonntagsbesuch der Schwiegermutter gleich ein neues Einfamilienhaus errichtet.
Doch warum soll die WM überhaupt noch größer werden?
Offiziell natürlich, weil der Fußball wächst.
Inoffiziell könnte man auf die Idee kommen, dass auch Infantinos Stimmensammlung wächst.
Denn bei der FIFA gilt ein faszinierendes Demokratieverständnis: Jeder Verband besitzt genau eine Stimme. Ganz gleich, ob er hunderte Millionen Einwohner repräsentiert oder ungefähr so viele Menschen wie in einem mittleren Baumarkt an einem Samstagvormittag unterwegs sind.
Wer also möglichst viele kleine Verbände glücklich macht, erhöht seine Chancen auf die Wiederwahl erheblich. Das ist politisch ungefähr so elegant wie der Bürgermeister, der kurz vor der Wahl jedem Bürger einen Grill schenkt und anschließend überrascht fragt, warum ihn plötzlich alle so sympathisch finden.
Natürlich ist das alles reiner Zufall.
Genauso zufällig wie die Vergabe der WM 2034. Durch eine geschickte Konstruktion der Austragungsorte 2030 war plötzlich fast nur noch Saudi-Arabien als realistischer Gastgeber übrig. Konkurrenz? Praktisch ausgeschlossen. Das Bewerbungsverfahren wirkte ungefähr so offen wie ein 100-Meter-Lauf, bei dem alle Konkurrenten erst starten dürfen, wenn der Sieger bereits im Ziel ist.
Aber wer würde da schon an Vetternwirtschaft denken?
Die FIFA hat schließlich eine jahrzehntelange Tradition absolut unauffälliger Entscheidungen. Korruption? Ach was. Das heißt heute vermutlich „innovative Netzwerkpflege“. Früher sprach man von Amigos, heute nennt man es strategische Partnerschaften mit maximaler Vertrauensbasis.
Infantino muss sich dabei kaum noch Mühe geben, den schönen Schein aufrechtzuerhalten. Warum auch? Wer ohnehin mit großer Mehrheit wiedergewählt wird, braucht seine Karten nicht mehr unter dem Tisch zu mischen. Er kann sie offen auf den Tisch legen – und die Versammlung applaudiert noch für die Transparenz.
Vielleicht ist die WM 2030 ohnehin nur ein Zwischenschritt.
2038 spielen dann 128 Nationen auf sechs Kontinenten gleichzeitig. Gespielt wird rund um die Uhr im Schichtbetrieb. Das Finale findet auf dem Mond statt, weil dort zufällig noch ein Austragungsort fehlt. Gesponsert wird das Ganze von einem Raumfahrtkonzern und einem Ölunternehmen – schließlich soll Nachhaltigkeit ja international gedacht werden.
Und falls das immer noch nicht reicht, könnte Infantino 2042 den nächsten Meilenstein präsentieren:
Die ewige Weltmeisterschaft.
Es gibt keinen Sieger mehr. Es gibt keinen Schlusspfiff mehr. Es wird einfach dauerhaft Fußball gespielt.
Der einzige Pokal, der dann noch vergeben wird, geht an den FIFA-Präsidenten – für sein Lebenswerk im unermüdlichen Ausbau einer Gelddruckmaschine, die offiziell immer im Namen des Sports läuft.
Der Fußball? Der spielt dabei längst nur noch die Nebenrolle.
Aber immerhin dürfen wir Fans dankbar sein.
Schließlich bekommen wir immer mehr Spiele.
Ob wir sie überhaupt noch sehen wollen, scheint inzwischen die unwichtigste Frage von allen zu sein.
Foto: KI




