Wer zahlt, ist selber schuld

Es war einmal eine Zeit, da galt Zahlen als selbstverständlich. Wer ein Brot wollte, legte Geld hin. Wer ins Kino wollte, kaufte eine Karte. Wer Fußball gucken wollte, zahlte für Sky. Primitive Zeiten. Dunkle Zeiten. Zeiten, in denen man offenbar noch nicht verstanden hatte, dass das Leben eigentlich komplett gratis sein sollte – zumindest für einen selbst.
Heute, im aufgeklärten digitalen Zeitalter, gibt es zum Glück Menschen, die das anders sehen. Mutige Menschen. Pioniere. Freigeister. Menschen, die auf Telegram ganz offen anbieten, dir den neuesten Streamingdienst für 3,50 Euro im Monat zu besorgen, das Sky-Bundesliga-Paket für einen Appel und ein Ei durchzuschleusen oder deinen E-Scooter so zu tunen, dass er nicht mehr 20, sondern 45 km/h fährt – was rechtlich in etwa so unbedenklich ist wie eine Hausparty im Reaktorgebäude.
Die große Milchmädchenrechnung der Nation
7,7 Millionen Deutsche nutzen mittlerweile illegale Streaming-Dienste. Das ist keine Randgruppe mehr. Das ist eine Bevölkerungsschicht, groß genug für einen eigenen Bundesligaclub, vermutlich sogar für eine eigene Partei mit dem eingängigen Wahlprogramm: „Wir zahlen für gar nichts. Aber bitte alles in HD."
Der wirtschaftliche Schaden beläuft sich auf rund 2,4 Milliarden Euro pro Jahr. Dem Staat entgehen dabei über 540 Millionen Euro an Steuern. Interessanterweise sind das genau die Steuern, von denen später jeder erwartet, dass sie in Schulen, Straßen und Schwimmbäder fließen – aber das ist ein anderes Thema, für das man sich dann ebenfalls empört.
Fragt man einen dieser Streaming-Piraten nach dem Warum, kommt die Antwort mit der Selbstverständlichkeit eines Philosophieprofessors: „Der Netflix-Preis ist zu teuer."
Richtig. Netflix Premium kostet heute 19,99 Euro. Das sind, bei sagen wir mal fünf Stunden Schauen am Tag, etwa 13 Cent pro Stunde. Das ist weniger als ein Schluck Kaffee im Café. Aber gut – wer sich dieses Geld nicht leisten kann oder will, kauft stattdessen für 3,50 Euro einen illegalen Streaming-Account bei einem unbekannten Anbieter aus dem Ausland, überweist das Geld via Kryptowährung oder PayPal-Freunde, und vertraut darauf, dass dieser völlig anonyme Dienstleister über einen gesunden Geschäftssinn und solide IT-Sicherheitsstandards verfügt. Was schief gehen kann, kann schief gehen – wird's aber schon nicht.
Robin Hood hatte wenigstens ein Pferd
Das beliebteste Argument nach „zu teuer" lautet: „Die Konzerne verdienen eh genug." Dieses Argument hat die angenehme Eigenschaft, sich auf so ziemlich alles anwenden zu lassen. Rewe verdient auch genug – trotzdem nennt man den, der dort Äpfel einsteckt, einen Ladendieb und nicht einen Gesellschaftskritiker. Aber im Digitalen wirkt alles irgendwie... anders. Weil man es nicht anfassen kann. Weil niemand direkt gegenübersteht. Weil es halt einfach so geht.
Die moralische Selbstverortung ist dabei erstaunlich kreativ. Man ist ja kein Krimineller. Man ist eher so eine Art digitaler Robin Hood – nur dass man das Ersparte nicht an Arme verteilt, sondern in eine größere TV-Flatrate oder das nächste Konzertticket investiert.
Besonders beliebt ist übrigens das Argument der Preisspirale: „Wenn Sky nicht so teuer wäre, würde ich ja zahlen." Das klingt zunächst logisch, folgt aber der gleichen Milchmädchenrechnung wie: „Wenn das Taxi billiger wäre, würde ich nicht schwarz fahren." Der E-Scooter-Tuner auf YouTube erklärt derweil gutgelaunt, wie man sein Fahrzeug von 20 auf 45 km/h bringt, garniert mit dem Hinweis „natürlich nur für das Privatgelände" – was ungefähr so überzeugend klingt wie eine Werbung für Einbruchswerkzeug mit dem Slogan „nur für Schlüsseldienste".
Das Ökosystem der ehrlichen Unehrlichkeit
Was fasziniert an dieser Welt besonders? Die völlige Ungeniertheit. Früher war Schwarzsehen ein Geheimnis, das man mit sich trug wie eine Jugendsünde. Heute bieten findige Gesellen ihre Dienste offen auf Telegram, Discord und einschlägigen Foren an. Mit Bewertungen. Mit Kundensupport. Manchmal sogar mit Geld-zurück-Garantie – was bei einem illegalen Dienst eine besonders mutige Versprechen ist.
Der typische Ablauf: Man findet einen Anbieter. Man überweist Geld an eine unbekannte Person. Man bekommt einen Zugang. Irgendwann funktioniert der Zugang nicht mehr, weil der Anbieter vom Netz genommen wurde oder einfach das Geld genommen und sich in Luft aufgelöst hat. Dann ärgert man sich – nicht über sich selbst, versteht sich, sondern über „die da oben", die sowas verbieten.
Es ist ein Ökosystem voller ehrlicher Unehrlichkeit. Jeder weiß, was er tut. Keiner nennt es beim Namen.
Die Logik des Gratisgedankens
Dabei liegt der eigentliche Denkfehler so offen auf der Hand wie ein Schnittlauchbrot auf einem Buffet: Wenn niemand zahlt, kann der Anbieter den Dienst nicht aufrechterhalten. Wenn niemand zahlt, steigen die Preise für die, die zahlen. Wenn noch mehr aufhören zu zahlen, steigen die Preise weiter. Und wenn der Dienst schließlich eingestellt wird, beschwert man sich online darüber, dass „alles schlechter wird" und „früher mehr Angebot war".
Es ist ein Kreislauf von geradezu buddhistischer Vollkommenheit.
Natürlich: Die Preise für Streaming sind tatsächlich gestiegen. In den USA um durchschnittlich zwölf Prozent – und das bereits im vierten Jahr in Folge. Das ist ärgerlich. Das darf man kritisieren. Das kann man boykottieren, indem man kündigt und einfach mal kein Streaming nutzt – eine Option, die in der Diskussion auffallend selten auftaucht, weil sie unbequem ist und man ja eigentlich noch die dritte Staffel fertig schauen wollte.
Schlussbemerkung eines zahlenden Idioten
Ich selbst zahle für Netflix, für ein Musikabo, für die digitale Tageszeitung und in schwachen Momenten sogar für Parkgebühren. Ich tue das nicht, weil ich das System liebe. Ich tue es, weil ich mir einbilde, dass der Deal lautet: Du lieferst mir etwas, ich gebe dir dafür Geld. Ein uraltes Prinzip, das irgendwo zwischen der Erfindung des Rades und dem ersten Marktstand entstand und sich bis heute gut bewährt hat.
Vielleicht bin ich naiv. Vielleicht bin ich altmodisch. Vielleicht bin ich das, was man in einschlägigen Foren „ein Normalo" nennt, der einfach noch nicht begriffen hat, dass Gratis das neue Schwarz ist.
Aber weißt du was? Wenigstens muss ich mir keine Sorgen machen, dass mein E-Scooter mit 45 km/h gegen eine Bordsteinkante knallt, weil ich an der falschen Stelle gespart habe.
Pep-Ironie-Effekt des Tages: Wer für alles kostenlos fordert, zahlt am Ende immer – nur halt mit anderen Dingen.
Foto: KI




