Günther Jauch und die große Pille –
Ein holländisches Märchen
Wie eine Versandapotheke aus den Niederlanden uns Deutschen erklärt, wie Markt wirklich funktioniert – und warum das alles vollkommen in Ordnung ist.
Die Lektion kommt – wie so vieles Erleuchtende – aus den Niederlanden. Genauer gesagt aus Venlo, einer Stadt, die die meisten Deutschen nur vom Autobahn-Schild kennen, kurz bevor man in einen holländischen Coffeeshop abbiegen könnte. Dort residiert die Shop Apotheke, Europas angeblich größte Online-Apotheke, Platzhirsch im deutschen Versandmarkt und seit neuestem auch mit einem Testimonial ausgestattet, das uns alle sofort vertraut anmutet: Günther Jauch.
Herr Jauch, dem man nicht absprechen kann, dass er ein feines Gespür für gute Fragen hat (schließlich hat er jahrzehntelang Menschen gefragt, ob eine Million Euro ihr Endgültiges oder doch nur ihr Vorletztes sei), hat also das Werbegesicht eines Unternehmens übernommen, das in Deutschland Milliardenumsätze erzielt, seine Gewerbesteuer jedoch – man ahnt es – nicht beim deutschen Finanzamt abliefert. Die landet nämlich in den Niederlanden. Sehr schön für Venlo. Sehr übersichtlich für den deutschen Steuerzahler.
Aber fangen wir vorne an. Denn diese Geschichte hat mehrere Kapitel, und alle sind gleichermaßen erhellend.
Kapitel 1: Die Kunst, nur die Rosinen zu essen
Eine deutsche Apotheke ist kein Einzelhandelsgeschäft. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt. Wer eine betreibt, verpflichtet sich gesetzlich dazu, Nacht- und Notdienste zu leisten, individuelle Rezepturen herzustellen (also zum Beispiel den Kindersaft mit dem richtigen Wirkstoff, den es sonst nirgendwo fertig gibt), teure Notfallmedikamente vorzuhalten, die vielleicht einmal im Jahr jemand braucht, und ansonsten die gesamte Breite des Lebens zu bedienen – von der Blutdruckmessung bis zur Trauerbegleitung bei der Mitteilung, dass das gewünschte Mittel leider ausverkauft ist.
Die Shop Apotheke hingegen macht das, was man im Wirtschaftsdeutsch elegant „Portfoliooptimierung" nennt und auf gut Deutsch „nur das, was sich lohnt". Keine Nachtdienste. Keine frischen Rezepturen. Kein Notfallregal. Dafür: Werbung, App, Lieferung in ein bis drei Werktagen – und ein breites Lächeln für den Kunden, der gerade festgestellt hat, dass Aspirin online zwölf Cent billiger ist.
Das wirkt in etwa so gerecht wie ein Fußballverein, der nur bei Heimspielen antritt, bei Auswärtsspielen aber freundlich darauf hinweist, dass die Anreise leider nicht in seinem Geschäftsmodell vorgesehen sei.
Kapitel 2: Der Notfall und sein Päckchen
Man stelle sich folgendes Szenario vor: Es ist Sonntagnacht. Das Kind hat 39,8 Grad Fieber. Der Fiebersaft ist leer. Man öffnet die App der Shop Apotheke, bestellt – und bekommt die Bestätigung: „Ihre Bestellung ist eingegangen. Voraussichtliche Lieferung: Dienstag."
Dienstag. Das Kind hat Sonntag Fieber. Dienstag kommt das Päckchen. Dazwischen liegt: Montag. Und vielleicht noch ein Arztbesuch, eine Nacht ohne Schlaf, und der stille Wunsch, man hätte die zwölf gesparten Cent doch lieber der Vor-Ort-Apotheke um die Ecke gelassen, die um 2:47 Uhr noch Licht hatte.
Aber Moment – diese Apotheke gibt es in immer weniger Städten. Denn sie schließt. Nicht aus Bösartigkeit, sondern weil das Modell, das sie trägt, langsam ausgehöhlt wird. Durch genau das System, für das Günther Jauch lächelt.
Kapitel 3: Werbung, Recht und das kleine Einmaleins der Gutscheine
Die Shop Apotheke ist kein unbeschriebenes Blatt. Mehrfach haben deutsche Gerichte dem Unternehmen auf die Finger geklopft – wegen Werbemaßnahmen, die man höflich als „kreativ" und weniger höflich als „illegal" bezeichnen kann. Gutscheine beim Einlösen von E-Rezepten, Treueboni, Rabattaktionen, die das strenge deutsche Arzneimittelrecht schlicht nicht vorsieht.
Man hat diesen Urteilen stets mit der Haltung begegnet, die man von Kindern kennt, die beim Keksstehlen erwischt werden: kurze Reue, dann weitermachen und beim nächsten Mal etwas raffinierter sein.
Interessant ist auch die Frage, ob die Shop Apotheke überhaupt das Recht hat, grenzüberschreitend nach Deutschland zu liefern. Denn nach deutschem Recht setzt das voraus, dass man im Herkunftsland eine vollwertige Präsenzapotheke betreibt – also ein Geschäft, das Laufkundschaft empfängt. Deutsche Apothekerverbände bezweifeln, ob das in Venlo wirklich der Fall ist. Die Klärung läuft. Bis dahin läuft auch das Geschäft – und Günther Jauch lächelt weiter.
Kapitel 4: Günther Jauch und das Paradox des Patrioten
Günther Jauch ist kein böser Mensch. Das sei ausdrücklich gesagt. Er ist ein kluger, gut vernetzter Medienprofi, der es verstanden hat, aus einer Fernsehjahrzehnte-Karriere ein beachtliches Vermögen aufzubauen. Man darf ihm das nicht verdenken – das ist schließlich das gute Recht eines jeden freien Bürgers.
Aber es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ein Mann, der jahrelang das Bild des soliden, bodenständigen, irgendwie deutsch-bürgerlichen Moderators verkörpert hat, nun für ein niederländisches Unternehmen wirbt, das deutschen Apotheken das Wasser abgräbt und dabei die Gewerbesteuer schön im Ausland lässt.
Man könnte es vergleichen mit einem Heimatdichter, der feierlich die Schönheit des Schwarzwalds besingt – und dann für die Abholzung des Schwarzwalds wirbt, weil die holländische Sägemühle ein attraktiveres Honorar angeboten hat.
Kapitel 5: Der ehrenwerte Konsument und seine wunderbare Doppelmoral
Nun wäre es ungerecht, die gesamte Verantwortung bei Unternehmen und Testimonials zu belassen. Denn da ist noch der Konsument. Der ehrenwerte deutsche Verbraucher, der sich nichts sehnlicher wünscht als guten Service – und nichts weniger als dafür zu zahlen.
Das Muster ist bekannt und so verbreitet, dass man es eigentlich in die Volkskunde aufnehmen könnte. Man betritt die Vor-Ort-Apotheke. Man lässt sich 20 Minuten lang beraten, welches Antihistaminikum zu welchem Heufieber passt, welches Nebenwirkungen hat, welches man mit anderen Mitteln nicht kombinieren sollte. Der Apotheker gibt sein bestes Wissen, seine Zeit, seine Expertise. Dann sagt man freundlich: „Danke, ich schau mal kurz online, ob das günstiger ist" – und bestellt es bei der Shop Apotheke für 1,89 Euro weniger.
Wenn dann die Lieferung drei Tage zu spät kommt, das falsche Präparat enthält oder man doch lieber eine Frage zum Wechselwirkungsrisiko hätte, geht man selbstverständlich wieder in die Apotheke nebenan. Die hat zum Glück noch auf. Noch.
Das ist ungefähr so, als würde man beim lokalen Klempner anrufen, sich erklären lassen, warum die Heizung klopft, dann eine günstigere Internetfirma beauftragen, die den Schaden schlimmer macht, und anschließend wieder beim Klempner anklingeln – mit leicht betretenem Lächeln und der vagen Hoffnung, er möge es nicht persönlich nehmen.
Der Klempner nimmt es übrigens persönlich. Er sperrt dann irgendwann seinen Laden zu. Und dann steht man im Winter ohne Heizung da – und schreibt eine schlechte Bewertung bei Google.
Kapitel 6: Die Gewerbesteuer und ihr stiller Abschied
Während wir also online einkaufen, Pakete auf den Briefkasten warten und Günther Jauch beim Lächeln zusehen, passiert etwas, das kaum jemand sieht, weil es keine Push-Notification auslöst: Millionen an Gewerbesteuer verlassen Deutschland. Nicht dramatisch. Nicht in einer Nacht. Sondern Klick für Klick, Bestellung für Bestellung, Paket für Paket.
Gewerbesteuer finanziert Schulen, Straßen, Schwimmbäder, Feuerwehren, Bürgerämter – also genau die Dinge, über die wir uns schon beschweren, obwohl sie noch vorhanden sind. Wenn das Geld weg ist, werden wir uns noch mehr beschweren. Dann aber mit dem Bewusstsein, dass wir selbst aktiv dazu beigetragen haben, was ebenfalls zum Standardprogramm des deutschen Verbrauchers gehört: Mitschuld erfolgreich verdrängen.
Die Niederlande dagegen freuen sich. Sie haben Fußball, Käse, Tulpen, Windmühlen – und jetzt auch unsere Apothekengewinne. Herzlichen Glückwunsch, Venlo.
Epilog: Wer wird Millionär? (Spoiler: nicht die Apotheke um die Ecke)
Am Ende ist es eine Frage, die sich Günther Jauch eigentlich selbst stellen könnte – im Stil seiner berühmtesten Sendung. Sagen wir, Frage für 500 Euro:
„Welches Unternehmen zahlt keine Gewerbesteuer in Deutschland, umgeht teure gesetzliche Pflichten, wirbt möglicherweise illegal, und wird trotzdem von einem der bekanntesten deutschen Gesichter beworben?"
Vier Antworten: A) Eine Bäckerei in München. B) Die Shop Apotheke. C) Eine Metzgerei in Hamburg. D) Kein solches Unternehmen existiert.
Wer sich unsicher ist: Publikumsjoker ist diesmal nicht verfügbar. Der Publikumsjoker kauft gerade online ein und wartet auf sein Päckchen.




