"Skandal im Sperrbezirk"

Wenn ein 44 Jahre alter Schlager zur Staatsangelegenheit wird
Manchmal blickt man auf dieses Land und spürt eine tiefe, fast religiöse Ehrfurcht vor den Prioritäten unserer Entscheidungsträger. Während die Weltwirtschaft wankt, das Klima sich wandelt und die Digitalisierung in deutschen Amtsstuben weiterhin mittels berittener Boten durchgeführt wird, widmet sich die Republik mit brennendem Ernst den wirklich existenziellen Fragen des Daseins: Darf Rosi im Festzelt noch ihre Nummer 32-16-8 verteilen?
Die Stadt Erlangen hat auf der traditionsreichen Bergkirchweih das Unvorstellbare gewagt. Sie wollte den 44 Jahre alten Gassenhauer „Skandal im Sperrbezirk“ der Spider Murphy Gang von den Musikbühnen verbannen. Begründung: Der Song verherrliche Prostitution und Sexismus. Prompt ging ein politisches Beben durch den Freistaat Bayern, das selbst die tektonischen Platten unter dem Tegernsee erzittern ließ. München schaltete sich ein, und der offizielle Wiesn-Chef sah sich bemüßigt, via Instagram ein staatstragendes Statement abzugeben: Der Song werde auf dem Oktoberfest „natürlich nicht verboten“.
Aufatmen in der Bevölkerung. Die Demokratie ist vorerst gerettet.
Die Generalinspektion des deutschen Liedguts
Es ist die Entdeckung einer ganz neuen deutschen Lieblingsdisziplin: Die hermeneutische Textanalyse von Party-Schlagern im Zustand akuter Bierseligkeit. Wir prüfen neuerdings jeden Gassenhauer auf seine Skandaltauglichkeit, als handele es sich um eine Regierungserklärung.
Man stelle sich das Szenario vor: Ein Festzelt, gefüllt mit 4.000 Menschen, die seit drei Stunden lauwarmes Helles aus Steinkrügen konsumieren und auf den Bänken schwanken. Die Synapsen befinden sich im kollektiven Standby-Modus. Doch genau in diesem Moment – so die soziologische Befürchtung der Behörden – mutiert der Durchschnittsbürger beim Einsetzen der Spider-Murphy-Gitarre zum messerscharfen Literaturkritiker. Er reflektiert beim Mitgrölen zutiefst das moralische Dilemma des Münchner Sperrbezirks und beschließt spontan, das horizontale Gewerbe steuerlich neu zu bewerten.
Wenn wir diesen Maßstab der moralischen Generalreinigung konsequent durchziehen, droht den deutschen Volksfesten eine humoristische Eiszeit:
„Layla“ ist ohnehin schon die personifizierte Staatskrise im Minirock.
„Verdammt, ich lieb dich“ von Matthias Reim fliegt raus wegen akuter Förderung von ungesunden, emotionalen Abhängigkeiten und mangelnder psychotherapeutischer Aufarbeitung.
„Ein Bett im Kornfeld“ von Jürgen Drews wird wegen illegalen Campings, Sachbeschädigung an landwirtschaftlichen Nutzflächen und Missachtung des Zecken-Schutzes polizeilich untersagt.
Und über „Marmor, Stein und Eisen bricht“ müssen wir gar nicht erst reden – das ist pure Desinformation und bauphysizistischer Unfug.
Der Wiesn-Chef als Hüter der Kultur
Dass sich nun sogar Spitzenbeamte und Festzelt-Rektoren per Social Media zu Rosi äußern müssen, zeigt die wunderbare Absurdität des bürokratischen Kulturbetriebs. Ein offizielles Dementi per Instagram-Video, unterlegt mit dem Ernst eines Krisenstabs-Berichts, nur um zu versichern, dass die Kapelle auch weiterhin von den „Nutten vor der Stadt“ singen darf – das ist die ultimative Krönung der Realsatire.
Am Ende zeigt die Posse vor allem eines: Wir haben verlernt, die Dinge so zu nehmen, wie sie gemeint sind – als laute, bisweilen herrlich sinnfreie Unterhaltung für Menschen, die für ein paar Stunden vergessen wollen, dass am Montag wieder die Kehrwoche ansteht.
Wer Angst hat, dass die Jugend durch die Spider Murphy Gang moralisch verdirbt, sollte beruhigt sein: Die meisten 18-Jährigen im Zelt verstehen den Text akustisch ohnehin nicht und halten „32-16-8“ wahrscheinlich für die IP-Adresse des lokalen WLAN-Routers. In diesem Sinne: Prost, Rosi!




