Sport, Politik, Gesellschaft ... ironisch betrachtet
Sport

Der Falsche tritt zurück - oder:

Wer hat eigentlich den Einstellungstest gemacht?

 

Also gut. Julian Nagelsmann ist weg. Der Bundestrainer hat hingeschmissen, nachdem Deutschland bei der WM 2026 im Sechzehntelfinale gegen Paraguay ausgeschieden ist – nach Elfmeterschießen, versteht sich. Denn wenn man schon scheitert, dann bitte mit einem letzten Nervenkitzel, damit die Zuschauer wenigstens das Programm nicht vorzeitig wechseln.

Nagelsmann trat zurück. Mancher weinte. Mancher atmete auf. Und der DFB? Der DFB schrieb eine Pressemitteilung. Das macht er immer. Bei Erfolgen, bei Niederlagen, bei Geburtstagen. Pressemitteilungen sind beim DFB so etwas wie das Betriebssystem – läuft immer, leistet wenig.


Der Rücktritt des Falschen

Aber halt. Kurz innehalten, bevor wir kollektiv in die Nagelsmann-Abrechnung einsteigen. Da wären nämlich noch ein paar Herren, die in dieser Geschichte eine Nebenrolle spielen – eine Nebenrolle mit Hauptschuld.

Rudi Völler und Andreas Rettig. Die beiden haben Nagelsmann 2023 verpflichtet. Mit großem Tamtam, voller Überzeugung und, das darf man ruhig sagen, mit einer Portion Chuzpe, die man selten erlebt.

Denn was wusste man damals über Julian Nagelsmann? Man wusste: junger Trainer, viel Versprechen, noch wenig Beweis. Man wusste: beim FC Bayern gescheitert, unter anderem weil er nach einer Niederlage erst mal in den Skiurlaub fuhr. Nicht metaphorisch. Buchstäblich. Zillertal. Après-Ski. Die Kabine grübelt, der Trainer Slalom.

Uli Hoeneß sagte damals in seiner bekannt subtilen Art: „Nach einer Niederlage fährt man nicht in den Skiurlaub." Eine Binsenweisheit, die man normalerweise nicht aussprechen muss – so wie „Man isst nicht das Mittagessen des Kollegen aus dem Kühlschrank". Eigentlich selbstverständlich. Und doch: passiert.

Man wusste außerdem, dass Nagelsmann Probleme mit der Menschenführung nachgesagt wurden. Dass er Reservisten schlecht integrierte. Dass es intern rumort hatte. Kurz: Das Pflichtenheft hatte bereits Anmerkungen am Rand, bevor man ihn beim DFB einstellte.


Der Einstellungstest, den niemand machte

Stellen Sie sich vor, Sie bewerben sich als Busfahrer. Im Lebenslauf steht: „Hatte mehrfach Probleme beim Einparken, fuhr einmal während der Schicht kurz Ski, Kollegen fanden ihn schwierig." Was passiert? Richtig. Man bekommt den Job vermutlich nicht.

Es sei denn, man bewirbt sich beim DFB.

Dort scheint das Anforderungsprofil etwas anders aufgebaut zu sein. Nach dem Motto: „Kennen wir ihn? Gut. Hat er Haare? Gut. Trägt er moderne Sneaker? Perfekt. Engagiert."

Nagelsmann wurde verpflichtet – und zwar mit einem Vertrag, der ihm im Falle einer Trennung ein fürstliches Jahresgehalt als Abfindung sicherte. Sieben Millionen Euro, munkelt man, konnte der DFB sparen, wenn Nagelsmann freiwillig ging. Freiwillig. Als ob es das wäre, was zählt. Als ob ein Unternehmen sieben Millionen Euro einspart und dann zufrieden nickt, weil der Fehler beim Kündigen wenigstens günstiger war.

Und was sagen Völler und Rettig dazu? Rettig geht „aus persönlichen Gründen". Völler denkt nach. Nachdenken ist beim DFB traditionell das, was man macht, wenn man eigentlich handeln müsste.


Derselbe Film, andere Kulisse

Das Witzige – wenn man es so nennen darf – ist, dass sich die Geschichte fast eins zu eins wiederholt hat. Die Menschenführungs-Probleme, die man in München beobachtet hatte? In der Nationalmannschaft wieder aufgetaucht. Das Außendienstprogramm in Krisenzeiten? Auch in den USA beobachtet. Es ist, als hätte man denselben Film nochmal aufgelegt, nur mit anderem Stadion und amerikanischem Publikum, das Fußball ohnehin erst seit kurzem für eine echte Sportart hält.

Man muss Nagelsmann hier nicht in Schutz nehmen. Er ist ein Erwachsener, kein Praktikant. Aber man darf schon fragen, wer ein Buch kauft, schon auf Seite drei sieht, dass es Mängel hat – und es dann trotzdem bis zum Ende laut vorliest.


Und jetzt: Klopp. Natürlich.

Keine Suche. Kein Auswahlverfahren. Kein Casting, bei dem auch mal ein weniger bekannter Kandidat vorstellig werden darf. Nein. Man greift direkt zum Telefon und ruft Jürgen Klopp an.

Jürgen Klopp, der unbestritten ein großartiger Trainer ist. Erfolge in England, Popularität in Deutschland, Charisma ohne Ende. Ein Mann, der Pressekonferenzen gibt wie andere Menschen Geschenke – großzügig, mitreißend, immer ein bisschen zu viel.

Nur: Klopp hat bei der WM 2026 als TV-Experte gearbeitet. Er saß auf dem Sofa bei MagentaTV und analysierte das DFB-Team. Professionell, kritisch, mit Nachdruck. „Wir haben nicht funktioniert", sagte er. „Da müssen wir grundlegend Dinge verändern." Die Jungs seien zu wenig die Flügel runtergegangen. Zu wenig Tempo. Zu wenig Idee.

Jetzt soll er eben diese Jungs trainieren.

Das ist ungefähr so, als würde ein Restaurantkritiker nach einer vernichtenden Drei-Sterne-Verriss-Besprechung vom Chefkoch gefragt: „Wollen Sie nicht einfach mal kurz einspringen?" Und der Kritiker sagt: „Ja, warum eigentlich nicht."

Kann Klopp das trennen? Den Experten, der die Spieler öffentlich auseinandergenommen hat, und den Trainer, der sie jetzt motivieren soll? „Leute, ich weiß, ich habe euch letzte Woche im Fernsehen zerlegt. Aber jetzt bin ich euer Trainer. Alles vergessen. Auf geht's."

Ob das funktioniert, weiß niemand. Wahrscheinlich schon – denn Klopp ist Klopp, und das ist beim DFB seit jeher Argumentation genug.


Das eigentliche Problem

Das eigentliche Problem ist nicht Nagelsmann. Und es ist auch nicht Klopp. Das eigentliche Problem ist ein Verband, der bei Entscheidungen so vorgeht wie ein Urlauber beim Packen: erst alles reinwerfen, dann schauen, ob der Koffer zugeht – und beim nächsten Mal genauso.

Wer Nagelsmann trotz bekannter Schwächen verpflichtete, hätte sich mindestens fragen müssen: Und was machen wir, wenn es wieder passiert? Wer jetzt Klopp holt, ohne Auswahlverfahren, ohne erkennbare Strategie, macht es wieder: Koffer auf, rein damit, hoffen.

Manchmal wünscht man sich, die Verantwortlichen beim DFB würden auch zurücktreten. Nicht weil sie böse sind. Sondern weil es konsequent wäre. Weil Konsequenz in diesem Sport sonst immer nur einer tragen muss: derjenige, der auf dem Platz steht.

Oder im Zillertal.


Pep Ironie beobachtet das Treiben im deutschen Fußball seit Jahren mit einer Mischung aus Belustigung und mildem Erschrecken. Beides hält sich die Waage. Meistens.