ESC 2026 Europas größter "Musikwettbewerb"

... oder nur „Wer mag wen?“ in Glitzeroptik
Es war wieder so weit: Europa traf sich zum jährlichen musikalischen Hochamt namens Eurovision Song Contest 2026. Ein Abend voller Windmaschinen, LED-Gewitter, dramatischer Armbewegungen und Songs, die man exakt drei Minuten nach Ende der Show wieder vergessen hat. Und mittendrin: Sarah Engels für Deutschland.
Oder anders formuliert: Deutschland schickte erneut eine Sängerin in einen Wettbewerb, bei dem Musik ungefähr die gleiche Bedeutung hat wie die Sicherheitsanweisungen vor dem Start eines Ferienfliegers.
Denn wer glaubt, beim ESC gehe es tatsächlich um die besten Lieder, glaubt vermutlich auch, dass bei „Bachelor“ die große Liebe gesucht wird oder dass der Wetterbericht im Fernsehen spontan entsteht.
Der ESC ist längst Europas größte Mischung aus Geopolitik, Nachbarschaftshilfe und internationalem Punkte-Schiebesystem. Dort werden nicht Stimmen vergeben, sondern alte Freundschaften gepflegt wie bei einer Familienfeier, bei der sich alle Cousins gegenseitig Schnaps einschenken.
Skandinavien verteilt Punkte an Skandinavien.
Der Balkan liebt den Balkan.
Die ehemaligen Sowjetstaaten erinnern sich plötzlich wieder an ihre tiefe kulturelle Verbundenheit.
Und Deutschland bekommt von manchen Ländern ungefähr so viele Punkte wie ein Parksünder beim Bürgermeisterempfang.
Man könnte inzwischen vermutlich auch drei Minuten lang einen Staubsauger über die Bühne rollen lassen – solange das richtige Land dahintersteht, gäbe es mindestens zwölf Punkte von irgendwem.
Besonders faszinierend ist dabei jedes Jahr der Moment, wenn die Sprecher verkünden:
„And finally… twelve points go to…“
Das klingt mittlerweile weniger nach Musikwettbewerb als nach der Bekanntgabe eines geheimen NATO-Manövers.
Und dann Deutschland.
Deutschland geht inzwischen zum ESC wie ein Bundesliga-Absteiger in die neue Saison:
„Dieses Jahr greifen wir wieder an!“
Zwei Stunden später sitzt man mit leerem Blick auf Platz 23 und analysiert, warum Moldawien mit einem singenden Dudelsackroboter besser abgeschnitten hat.
Dabei hatte man diesmal doch alles versucht.
Mit Stefan Raab stand erneut der Mann im Hintergrund, der in Deutschland inzwischen ungefähr als letzter ESC-Alchemist gilt. Sobald irgendwo „Eurovision“ erwähnt wird, erscheint Raab gefühlt automatisch aus einer Nebelmaschine und erklärt, dass man „den Wettbewerb verstanden“ habe.
Raab ist dabei ein bisschen wie ein ehemaliger Fußballtrainer, der 2010 einmal Meister wurde und seitdem bei jeder Niederlage gefragt wird, ob er nicht doch nochmal übernehmen könnte.
Und tatsächlich: Schon bei der nationalen Auswahl schwang wieder diese typisch deutsche Hoffnung mit:
„Wenn Raab beteiligt ist, MUSS es doch klappen!“
Das ist ungefähr so, als würde man bei einem alten Renault Trafic einfach einen neuen Duftbaum aufhängen und hoffen, dass er plötzlich ein Ferrari wird.
Die nationale ESC-Auswahl selbst wirkte erneut wie ein sehr spezielles Experiment:
Man nimmt mehrere Künstler,
lässt Experten diskutieren,
mischt Social Media,
ein paar Fan-Votings,
eine Jury,
wahrscheinlich noch drei Horoskope
– und am Ende ist trotzdem niemand sicher, warum genau diese Person gewonnen hat.
Manchmal hat man das Gefühl, Deutschland sucht seinen ESC-Beitrag inzwischen nicht mehr musikalisch aus, sondern nach dem Motto:
„Wer wirkt sympathisch genug, um die Enttäuschung nach Platz 19 halbwegs freundlich wegzulächeln?“
Und Sarah Engels tat genau das. Professionell, freundlich und tapfer. Eigenschaften, die beim ESC allerdings ungefähr so hilfreich sind wie ein Regenschirm im Whirlpool.
Denn während Deutschland noch über Gesang nachdenkt, haben andere Länder längst verstanden, wie der Wettbewerb funktioniert:
Man braucht:
- einen Refrain, den niemand versteht,
- einen Tänzer in silberner Ritterrüstung,
- brennende Geigen,
- fünf Meter hohe künstliche Fingernägel
- und möglichst jemanden, der während des Finaltons rückwärts vom Klavier springt.
Musik ist dort nur noch das Hintergrundgeräusch zwischen zwei Pyrotechnikexplosionen.
Vielleicht sollte Deutschland das Konzept endlich akzeptieren.
Warum nicht künftig direkt mit Ehrlichkeit antreten?
Ein Kandidat sitzt drei Minuten lang an einem Küchentisch und wartet auf Punkte.
Im Hintergrund läuft ein Faxgerät.
Ab und zu ruft jemand:
„Null Punkte aus Spanien!“
Das wäre wenigstens authentisch.
Oder Deutschland schickt künftig einfach einen Steuerberater auf die Bühne, der live die Rundfunkbeiträge erklärt. Das hätte zumindest kulturellen Tiefgang und würde in Europa Angst und Respekt zugleich auslösen.
Die eigentliche Frage lautet ohnehin:
Warum nimmt Deutschland überhaupt immer wieder teil?
Die Antwort ist einfach:
Weil der ESC für Deutschland inzwischen kein Musikwettbewerb mehr ist.
Er ist Therapiegruppe.
Ein jährliches Ritual kollektiver Hoffnung mit anschließendem kontrolliertem Zusammenbruch.
Und genau deshalb werden wir nächstes Jahr natürlich wieder sagen:
„Diesmal haben wir wirklich eine Chance.“
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