Die Trump Karte

Wenn der Präsident den Schiedsrichterjoker zieht
Die FIFA betont seit Jahrzehnten gebetsmühlenartig, dass Politik und Sport strikt voneinander getrennt werden müssen. Das ist ungefähr so glaubwürdig wie die Aussage eines Kindes mit Schokoladenmund, es habe den Kuchen nicht angerührt.
Nun hat die Fußballwelt ein neues Lehrstück erhalten: Ein amerikanischer Nationalspieler sieht bei der WM die Rote Karte, der amerikanische Präsident telefoniert mit FIFA-Chef Gianni Infantino – und plötzlich wird die Sperre aufgehoben. Zufall? Natürlich. Und der Weihnachtsmann arbeitet nebenbei als VAR-Assistent.
Die Geschichte um den US-Stürmer Folarin Balogun ist dabei so absurd, dass selbst Hollywood-Drehbuchautoren gesagt hätten: "Leute, das ist zu dick aufgetragen." Ein Spieler fliegt vom Platz, die FIFA-Regeln sehen eine automatische Sperre vor, die eigentlich nicht anfechtbar ist – und dann klingelt das Telefon. Nicht irgendein Telefon. Das Präsidententelefon.
Donald Trump konnte sich anschließend erwartungsgemäß hinstellen und verkünden, dass eine "große Ungerechtigkeit" beseitigt worden sei. Schließlich gibt es kaum etwas, das Donald Trump nicht persönlich regeln kann. Zollpolitik, Weltfrieden, Wetter, Golfturniere und jetzt eben auch rote Karten bei Fußball-Weltmeisterschaften.
Die neue FIFA-Regelauslegung
Die neuen Fußballregeln dürften künftig ungefähr so aussehen:
- Gelbe Karte: Entscheidung des Schiedsrichters.
- Rote Karte: Entscheidung des Schiedsrichters vorbehaltlich eines Anrufs aus dem Weißen Haus.
- Platzverweis gegen einen Gastgeber-Spieler: Bitte zunächst den Präsidenten konsultieren.
- Finale: Wird notfalls per Executive Order entschieden.
Besonders charmant ist dabei die politische Ironie hinter dem Fall Balogun. Denn ausgerechnet jener Spieler, für den Trump persönlich interveniert haben soll, gehört genau zu jener Gruppe von Menschen, deren amerikanische Staatsbürgerschaft Trump bei entsprechender Gelegenheit gerne neu definieren würde. In Amerika geboren, Sohn nigerianischer Eltern – im Fußball offenbar amerikanisch genug, bei zukünftigen Wahlen möglicherweise eher nicht.
Man könnte fast meinen, die Staatsangehörigkeit sei inzwischen situationsabhängig:
- Schießt jemand Tore für die USA: "Ein echter Patriot!"
- Möchte derselbe Mensch wählen: "Darüber müssen wir noch einmal sprechen."
Fairplay? Das war doch dieser alte Werbeslogan
Natürlich wird jetzt argumentiert, die Rote Karte sei ohnehin umstritten gewesen. Das mag sogar stimmen. Aber genau dafür gibt es normalerweise Regeln, Einsprüche und unabhängige Instanzen – nicht den direkten Draht zwischen Präsident und FIFA-Chef.
Denn wenn das Schule macht, eröffnen sich faszinierende Perspektiven:
- König Charles III. ruft bei der nächsten roten Karte gegen England persönlich in Zürich an.
- Emmanuel Macron interveniert künftig bei Elfmeterschießen.
- Giorgia Meloni fordert Videobeweis-Wiederholungen aus patriotischen Gründen.
- Und Deutschland beantragt rückwirkend die Wiederholung des WM-Halbfinales 2006 gegen Italien. Man müsse "historische Ungerechtigkeiten" schließlich irgendwann korrigieren.
Warum eigentlich bei Fußball aufhören? Vielleicht könnte Donald Trump auch künftig die Oscars korrigieren, wenn sein Lieblingsfilm leer ausgeht. Oder die Tour de France neu bewerten, falls ein Amerikaner zu wenig Etappensiege eingefahren hat.
FIFA und Trump – eine perfekte Symbiose
Letztlich überrascht die ganze Angelegenheit aber niemanden ernsthaft. Die FIFA und Donald Trump verbindet etwas Fundamentales: Beide Systeme funktionieren hervorragend, solange niemand zu viele Fragen nach Transparenz, Unabhängigkeit oder Glaubwürdigkeit stellt.
Die FIFA behauptet seit Jahrzehnten, unpolitisch zu sein, während sie mit Staatschefs posiert. Trump behauptet seit Jahren, gegen Eliten zu kämpfen, während er selbst zum mächtigsten Lobbyisten seines Landes wird.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre dieses Vorgangs: Das Problem ist nicht, dass Politik und Sport vermischt wurden. Das Problem ist vielmehr, dass beide Seiten offenbar festgestellt haben, wie gut sie eigentlich zusammenpassen.
Und irgendwo sitzt vermutlich gerade ein Schiedsrichter und fragt sich, warum er überhaupt noch rote Karten zeigt. Ein Telefonanschluss hätte offenbar völlig ausgereicht.
Foto: KI




