Ausziehen für den guten Zweck

Promis und das Milliardengeschäft OnlyFans
Es gibt Berufsrisiken, die man einkalkuliert. Der Dachdecker riskiert den Sturz, der Taxifahrer die Bandscheibe, und der Politiker seinen Ruf. Und dann gibt es den neuen Risikofaktor unserer Zeit: Man könnte berühmt werden, pleite gehen und am Ende trotzdem reicher sein als vorher — einfach indem man sich gegen Aufpreis etwas auszieht.
Willkommen bei OnlyFans, der Plattform, die das älteste Geschäftsmodell der Welt in eine App gepackt hat und dafür mit dem Titel „disruptive Innovation" gelobt wird.
Acht Milliarden Dollar. Acht. Milliarden.
Damit man das kurz einordnen kann: Das ist mehr als der Jahresumsatz vieler ordentlicher Mittelständler. Das ist mehr, als Deutschland für seine Digitalisierung ausgibt — und die läuft bekanntlich seit 2004 und ist noch nicht fertig. OnlyFans schafft das mit rund 40 festangestellten Mitarbeitern. Vierzig. Beim Finanzamt braucht man allein für die Bearbeitung einer Ummeldung mehr Personal.
4,6 Millionen Content Creator. 377 Millionen registrierte Nutzer. Und eine Geschäftsidee, die man in einem einzigen Satz erklären kann, den man dann trotzdem vorsichtig formuliert, wenn Oma am Tisch sitzt.
Die Prominenz hat entdeckt, dass Scham sich nicht rechnet
Cardi B — Grammy-Gewinnerin, Rapperin, Mutter — verdient auf OnlyFans geschätzte neun Millionen Dollar. Pro Monat. Das ist, wohlgemerkt, nicht ihr Jahresgehalt. Das ist ihr Monatsumsatz für Inhalte, die man mit der Kreditkarte freischaltet. Ihr Musikkarriere läuft weiterhin parallel, weil, nun ja, man kann ja nie wissen.
Tyga — Rapper, Ex von Kylie Jenner, damit automatisch weltberühmt — macht acht Millionen monatlich. Nicht mit Musik. Nicht mit Werbung. Sondern mit dem, was er selbst als „exklusive Einblicke in seinen Lifestyle" bezeichnet. Was für ein Lifestyle das genau ist, entscheidet der Abonnent nach Eingabe seiner Zahlungsdaten.
Bella Thorne, einst Kindstar bei Disney — man stelle sich kurz Mickey Mouse vor, der das kommentiert — verdiente in ihrer ersten Woche auf OnlyFans zwei Millionen Dollar. Zwei Millionen. In sieben Tagen. Für Inhalte, die, wie sie damals erklärte, ein „soziales Experiment" sein sollten. Das Experiment war offenbar ein Erfolg. Die Wissenschaft ist begeistert.
Und Deutschland? Deutschland ist natürlich dabei.
Wir sind schließlich eine Kulturnation. Anne Wünsche, bekannt aus der Vorabendserie „Berlin — Tag & Nacht", also dem Fernsehformat, das ungefähr so zur Hochkultur gehört wie Haribo zum Michelin-Stern, verdiente laut Berichten 2025 rund 2,1 Millionen Euro auf OnlyFans. Damit hat sie in einem Jahr mehr eingenommen als die meisten ihrer früheren Schauspielkollegen in ihrer gesamten Karriere.
Micaela Schäfer — seit Jahrzehnten erfolgreich damit beschäftigt, möglichst wenig anzuhaben und möglichst viel Aufmerksamkeit zu ernten — verdient etwa 50.000 Euro im Monat. Das Schöne daran: Sie macht das schon so lange, dass es bei ihr fast traditionell wirkt. Sie ist quasi das Handwerk unter den OnlyFans-Creatorn. Solide, verlässlich, und man weiß, was man bekommt.
Katja Krasavice gehört laut Plattformstatistik zu den top 0,01 Prozent aller Creator weltweit. Die Rapperin, die früher vor allem durch Musikvideos auffiel, die man nicht im Büro aufmachen sollte, hat damit endgültig bewiesen: In einer Marktwirtschaft ist Talent optional, Nischenkenntnisse aber Gold wert.
Jetzt zur Doppelmoral — dem eigentlichen Hauptgang
Dieselbe Gesellschaft, die seit Jahren darüber diskutiert, ob Sexarbeit legalisiert werden soll und dabei in endlosen Talkshows zu keinem Ergebnis kommt, konsumiert OnlyFans in einem Ausmaß, das die Serverkapazitäten sprengt.
Die Mechanik ist dabei stets dieselbe: Unten abonnieren, oben empören. Abends zahlen, morgens kommentieren. Der User, der um 23:47 Uhr das Abo verlängert, teilt um 8:15 Uhr den Artikel, der OnlyFans als gesellschaftlichen Verfall bezeichnet. Es ist ein reibungsloser Workflow.
Dabei wird gerne übersehen, dass die Plattform in ihrer Zusammensetzung deutlich vielfältiger ist, als der Name vermuten lässt. Köche zeigen dort Rezepte. Fitnesstrainer verkaufen Workoutpläne. Musiker veröffentlichen Songs exklusiv für zahlende Fans. Die Plattform ist also streng genommen ein ganz normales Abonnementmodell — nur dass man beim Wort „OnlyFans" trotzdem sofort an etwas anderes denkt. Was das über uns aussagt, überlasse ich dem Leser.
Aber: Ist es wirklich die letzte Rettung?
Hier wird es kurz ernst — was bei Pep Ironie selbstverständlich nicht lange anhält.
Es gibt tatsächlich Menschen, für die OnlyFans nicht Millionengehalt bedeutet, sondern schlicht das Rechnungsbezahlen am Ende des Monats. Alleinerziehende. Studentinnen mit Nebenjob. Menschen in finanziellen Engpässen, die irgendwann die Kalkulation machen: Eine Stunde Kellnern für zwölf Euro, oder eine Stunde Fotos hochladen für das Sechsfache.
Das ist keine Begeisterung für ein Geschäftsmodell. Das ist Arithmetik.
Die Gesellschaft, die diesen Menschen gleichzeitig das Stigma aufdrückt und deren Inhalte konsumiert, sollte vielleicht gelegentlich in den Spiegel schauen. Nicht für OnlyFans. Einfach so.
Fazit mit Pep-Ironie-Effekt
OnlyFans ist die ehrlichste Plattform unserer Zeit: Sie macht transparent, was sonst gerne verborgen bleibt — nämlich was Menschen wirklich wollen, wofür sie wirklich bezahlen, und wie wenig das mit dem zusammenhängt, was sie öffentlich von sich behaupten.
Cardi B verdient neun Millionen Dollar im Monat. Disney-Bella wurde Millionärin in einer Woche. Und irgendwo in Deutschland berechnet gerade jemand, ob es sich mehr lohnt, Steuererklärungen auszufüllen oder Abonnenten zu gewinnen.
Die Antwort kennen wir alle. Wir geben sie nur ungern laut zu.
Foto: KI




