Es gibt diese Begriffe, die klingen erstmal warm, gemütlich und irgendwie nach Lagerfeuerromantik: Tradition, Leidenschaft, gelebte Fankultur. Und dann gibt es die Realität. Die Realität steht in der Südkurve, hält eine Fackel in der Hand, gefährdet andere Menschen – und ist empört, wenn jemand wagt zu sagen: Lasst den Scheiß.Willkommen im Paralleluniversum der Ultras, wo Verantwortung etwas für Eventfans ist und Pyrotechnik offenbar als soziales Grundrecht gilt.
Die Südkurve – Herzstück der Stimmung beim FC Bayern München. Zumindest theoretisch. Praktisch gleicht sie an manchen Spieltagen eher einem schlecht belüfteten Chemielabor mit Trommelbegleitung.Da wird gezündelt, als gäbe es beim Stadion-Einlass eine Sonderaktion:
„Zwei Bengalos zum Preis von einem – Kinder und Asthmatiker gratis dazu.“Und wehe, jemand kritisiert das. Dann wird sofort das große Argument ausgepackt, ungefähr auf Augenhöhe mit „Das haben wir schon immer so gemacht“ oder „Opa ist früher auch ohne Gurt gefahren“.
„Pyro gehört zur Fankultur!“ heißt es dann.
Ja. Und der Wurfbecher zur Kreislaufwirtschaft.Wenn Fankultur bedeutet, dass man:
… dann ist das keine Kultur. Das ist asoziales Brauchtum.Oder anders gesagt:
Wenn dein Hobby nur funktioniert, solange andere darunter leiden, bist du kein Fan – du bist ein Problem.
Während der Verein wieder einmal fünf- oder sechsstellige Beträge an Strafe überweist, erklären dieselben Ultras, sie seien „das Rückgrat des Vereins“.
Interessant. Ein Rückgrat, das sich regelmäßig selbst ins Knie schießt. Die Allianz Arena ist nicht wegen Pyro ausverkauft.
Nicht wegen Rauchbomben geliebt.
Und ganz sicher nicht wegen vermummter Selbstdarsteller, die sich wichtiger nehmen als 75.000 andere Zuschauer.
Pyrotechnik im Stadion ist kein Protest, kein Kunstprojekt, kein politisches Statement.
Es ist ein Sicherheitsrisiko. Stell dir vor, ein Opernbesucher zündet während „La Traviata“ eine Nebelgranate, weil das zur Opernkultur gehört.
Oder jemand wirft im Kino Bengalos, um „die Atmosphäre von Titanic richtig zu fühlen“. Unvorstellbar?
Im Fußball nennt man das dann „Emotion“.
Liebe Ultras, ihr wollt auffallen, provozieren, Macht demonstrieren.
Nennt es bitte beim Namen. Aber hört auf, euer Verhalten als Fankultur zu tarnen.
Kultur baut auf – sie brennt nicht ab.
Kultur verbindet – sie gefährdet nicht.
Und Kultur braucht keine Feuerwehr. Der Fußball gehört allen.
Nicht nur denen mit Streichhölzern und Sendungsbewusstsein. Pep Ironie sagt:
Wer seinen Verein liebt, schützt ihn.
Wer ihn anzündet, darf sich nicht Fan nennen.
Foto: Süddeutsche.de