„Wir wollen rot-weiße Trikots!“ – gesungen von Sammy Kuffour auf dem Münchner Rathausbalkon, damals, als Titel noch auf Balkonen gefeiert wurden und nicht in Social-Media-Reels. Ein Satz wie ein Naturgesetz. Unverrückbar. In Stein gemeißelt. Dachte man. Doch dann kam die Zukunft. Und sie kam – wie jedes Jahr – mit einem neuen Trikot. Der FC Bayern München bringt seit Jahren Spielkleidung auf den Markt, die zuverlässig alles ist, nur nicht das, was man beim Wort „rot-weiß“ im Kopf hat. Mal ist es rot, mal weiß, mal rot-weiß-gestreift, mal rot-weiß-irgendwie, mal mit Mustern, die aussehen, als hätte jemand die Allianz Arena durch ein Kaleidoskop geschoben. Und jedes Jahr hebt die Südkurve München mahnend den Zeigefinger:
Zu extravagant! Zu modisch! Zu wenig Tradition! Und ja – die Argumentation ist nachvollziehbar. Tradition. Wiedererkennung. Identität. Das große Dreigestirn des Fan-Seins. Aber Hand aufs Herz: Erkennen wir „unseren“ Verein wirklich nur dann, wenn exakt zwei Farben in exakt der richtigen Reihenfolge auf dem Trikot kleben? Oder anders gefragt:
Laufen Fans heute noch mit VoKuHiLa-Frisur, Schlaghose und Walkman ins Stadion, nur weil das „damals auch so war“?
Der Verein argumentiert leiser, aber konsequent. Trikots sind längst mehr als Sportkleidung. Sie sind Modeartikel. Streetwear. Alltagsuniform. Man trägt sie im Stadion, im Biergarten, im Fitnessstudio und – mit etwas Mut – auch auf Familienfeiern. Und ja: Trikotverkäufe bringen Geld. Viel Geld. Geld, das beim FC Bayern unter anderem dazu beiträgt, dass die Stehplatzpreise seit Jahren erstaunlich stabil bleiben. Während anderswo Eintrittspreise klettern wie Beraterhonorare, bleibt man in München zumindest unten im Block noch halbwegs am Boden der Tatsachen. Ironie des Ganzen: Man protestiert gegen neue Trikots – finanziert aber mit jedem Kauf genau die Strukturen, die man eigentlich erhalten will.
Natürlich kann man ein Design hässlich finden. Das ist erlaubt. Geschmack lässt sich bekanntlich nicht diskutieren – sonst gäbe es keine Crocs, keine Schlagermusik und keine Kunstinstallationen aus Sperrmüll. Aber vielleicht hilft ein Blick über den weiß-roten Tellerrand:
Der FC Bayern muss seine Farben immerhin nicht an einen Sponsor anpassen. Anders als der VfL Bochum, der einst in den Regenbogenfarben des Sponsors Faber auflief – ein Trikot irgendwo zwischen Kindergeburtstag und Farbkasten.
Der FC Bayern wird auch morgen noch der FC Bayern sein.
Mit rotem Trikot.
Mit weißem Trikot.
Mit extravagantem Trikot.
Und vermutlich auch mit einem, das aussieht wie eine PowerPoint-Folie aus der Marketingabteilung. Wichtiger als die exakte Farbnuance bleibt am Ende doch, was auf dem Platz passiert. Und im Leben sowieso. Oder wie man früher nicht gesungen hat, aber hätte singen können:
„Wir wollen guten Fußball – der Rest ist Stoff.“
Foto: FCB