Im Profifußball gibt es zwei Dinge mit erstaunlich kurzer Haltbarkeit: Naturjoghurt im Supermarkt und Cheftrainer auf der Vereinsbank. Beim Joghurt steht das Verfallsdatum wenigstens ehrlich auf dem Deckel. Beim Trainer muss man es erraten. Meist liegt es irgendwo zwischen dem dritten Unentschieden und der ersten Niederlage gegen den Tabellenletzten aus Hintertupfingen. Kaum läuft es sportlich nicht mehr rund, beginnt im Vereinsbüro ein Ritual, das an einen religiösen Akt erinnert. Präsident, Sportdirektor und Aufsichtsrat sitzen zusammen, schauen sich die Tabelle an und stellen fest: Die Spieler können es nicht sein. Schließlich verdienen sie Millionen, fahren Autos, die mehr kosten als ein mittelgroßer Bauernhof, und posten täglich Fitnessbilder auf Instagram. Also bleibt nur eine logische Erklärung: Der Trainer muss schuld sein.
Der Trainer ist im modernen Fußball ungefähr das, was im Haushalt der Sicherungskasten ist. Wenn irgendwo etwas nicht funktioniert, fliegt erstmal eine Sicherung raus. Ob das Problem vielleicht an der Waschmaschine, am Toaster oder am eigenen Umgang mit Elektrizität liegt, interessiert in dem Moment niemanden. Nach der Entlassung wird sofort der nächste Heilsbringer präsentiert. Ein Mann, der laut Pressemitteilung „eine klare Spielidee“ mitbringt. Diese Spielidee besteht in der Regel darin, denselben Kader, der gestern noch aussah wie eine Gruppe überforderter Betriebssportler, innerhalb von zwei Wochen in eine Mischung aus Real Madrid und der brasilianischen Nationalmannschaft von 1970 zu verwandeln. Natürlich wird der neue Trainer gleich bei seiner Vorstellung mit einem der schönsten Sätze des modernen Fußballs begrüßt:
„Wir wollen langfristig etwas aufbauen.“Das ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Schild am Buffet mit der Aufschrift: Bitte nur einen Teller nehmen. Besonders interessant wird es, wenn Journalisten nach drei Niederlagen in Folge vorsichtig fragen, ob der Trainer noch fest im Sattel sitzt. Dann antwortet der Manager mit jener legendären Formulierung, die im Fußball ungefähr so beruhigend wirkt wie die Durchsage im Flugzeug: „Wir haben ein kleines technisches Problem.“ „Stand jetzt sitzt der Trainer nächste Woche noch auf der Bank.“ Dieser Satz bedeutet übersetzt: Der Stuhl steht noch da, aber jemand sägt bereits heimlich an den Beinen. Sollte die Mannschaft danach weiterhin spielen wie eine Gruppe Freizeitkicker nach dem dritten Bier, folgt die nächste klassische Erklärung des Vereins:
„Wir hatten unterschiedliche Auffassungen vom Spielstil.“ Man fragt sich unwillkürlich, wann diese Erkenntnis entstanden ist. Vielleicht beim ersten Training? Oder beim Blick auf die Mannschaftsaufstellung? Oder möglicherweise schon bei der Vertragsunterschrift, als beide Seiten gleichzeitig merkten, dass sie eigentlich etwas völlig anderes meinen, wenn sie „offensiven Fußball“ sagen. Die Spieler wiederum reagieren auf den Trainerwechsel stets mit bewundernswerter diplomatischer Präzision. Einer von ihnen tritt vor die Kameras und erklärt mit ernstem Blick:
„Der Trainer weiß genau, was er will und sagt uns, was wir zu tun haben.“ Das wirft natürlich eine interessante Frage auf. Was genau hat der entlassene Trainer in den letzten Monaten gemacht? Hat er vielleicht nur still daneben gestanden und Sudoku gelöst? Die Spieler wirken jedenfalls plötzlich wie verwandelt. Dieselben Profis, die letzte Woche noch Pässe spielten, als würden sie einen Brief ohne Adresse verschicken, wirken auf einmal motiviert, konzentriert und voller Tatendrang. Der neue Trainer spricht von „neuen Impulsen“.
Die Vereinsführung von „frischer Energie“.
Die Fans von „der letzten Chance“. Und drei Monate später beginnt der ganze Spaß wieder von vorn. Der Präsident erklärt auf der nächsten Pressekonferenz mit ernster Miene:
„Wir mussten handeln.“ Dieses „Handeln“ besteht meist darin, den Trainer zu entlassen und einen neuen zu verpflichten, der exakt denselben Job übernimmt. Es ist ein bisschen wie beim Friseur: Man geht rein, sagt „diesmal bitte ganz anders“, und kommt am Ende mit derselben Frisur wieder raus.
Im Grunde ist der Trainer im Profifußball heute eine Art Saisonartikel. Wie Spargel im Frühling oder Weihnachtsgebäck im Dezember. Er taucht kurz auf, sorgt für Hoffnung, verschwindet wieder und wird durch das nächste Exemplar ersetzt. Der einzige Unterschied:
Der Joghurt wird wenigstens vorher probiert, bevor man ihn wegwirft.
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