Ist Deutschland eigentlich noch regierbar...
Eine ehrliche Frage in einem Land, in dem Mehrheiten so selten geworden sind wie funktionierende Faxgeräte – und beides erstaunlicherweise noch existiert. Früher war Politik einfach: Eine Partei gewann, regierte, vergeigte es, flog raus. Ein sauberer, demokratischer Kreislauf – fast wie Ebbe und Flut, nur mit mehr Parteitagen. Heute dagegen beginnt nach der Wahl erst das eigentliche Drama: Sondierungen, Koalitionsverhandlungen, Arbeitsgruppen, Unterarbeitsgruppen und vermutlich irgendwo ein Stuhlkreis mit Klangschale. Im Bundestag gilt längst nicht mehr: Wer gewinnt, regiert, sondern:
Wer verliert am wenigsten, darf moderieren.
Die berühmte „größte gemeinsame Schnittmenge“ ist das, was übrig bleibt, wenn man aus zwei Parteiprogrammen alles streicht, was irgendjemandem wichtig war. Am Ende erhält man ein politisches Carpaccio: hauchdünn, geschmacklich neutral und mit dem Nährwert eines leeren Wahlplakats. Partei A wurde gewählt wegen Versprechen A.
Partei B wurde gewählt wegen Versprechen B.
Regiert wird am Ende mit Versprechen C, das niemand wollte, aber alle ertragen können. Demokratie als kleinster gemeinsamer Nenner – nicht laut, nicht mutig, aber unglaublich konsensfähig.
Jede Partei darf drei Wahlversprechen „durchboxen“. Unblockierbar.
Wie Joker im Kartenspiel.
Nachteil: Koalitionsverträge lesen sich danach wie ein IKEA-Katalog, den drei Leute gleichzeitig übersetzt haben – auf drei Sprachen.
Jede Partei bekommt ein festes Zeitfenster:
Effizienz? Nein. Ehrlichkeit? Absolut.
Zwei Jahre Ehe, danach verpflichtende Trennung mit öffentlicher Schuldzuweisung.
Vorteil: Endlich weiß der Wähler, wer wen warum blockiert hat – live und ungefiltert.
Nach der Wahl werden Parteiprogramme in eine Lostrommel geworfen.
Gezogen wird:
Regierung per Überraschungsei.
Niemand ist zufrieden – aber wenigstens ehrlich überrascht.
Einmal im Jahr dürfen Bürger kollektiv sagen:
„Nein. So nicht. Setzt euch nochmal hin.“
Begleitet von Brezn, Bier und Livestream.
Demokratie mit Volksfestcharakter.
Das System zwingt Parteien zur Zusammenarbeit, aber belohnt keine klare Handschrift mehr. Verantwortung wird geteilt, bis sie verdunstet. Am Ende weiß niemand mehr, wer wofür steht – außer dafür, dass man dagegen war, es aber leider nicht verhindern konnte.
Ist Deutschland überhaupt noch regierbar –
oder nur noch ein hervorragend moderierter Dauerkompromiss mit Flagge?