Platz 12. Hinter Kolumbien

Herzlichen Glückwunsch.
Es gibt Momente im Leben, die einen still werden lassen. Der erste Steuerbescheid. Der Blick auf die Waage nach Weihnachten. Und jetzt: die aktuelle FIFA-Weltrangliste.
Deutschland. Platz 12. Hinter Kolumbien.
Kolumbien. Ein Land, das in der internationalen Wahrnehmung zuletzt weniger durch spektakuläre Doppelpässe als durch andere, sagen wir: exportorientierte Wirtschaftszweige aufgefallen ist. Aber gut. Der Fußball macht keine Zollkontrollen.
Natürlich brach sofort die kollektive Trauer aus, wie man sie aus Deutschland kennt: sachlich, strukturiert und mit der leisen Überzeugung, dass das eigentlich nicht sein darf. Schließlich sind wir Deutschland. Vier Weltmeistertitel. Das Land von Beckenbauer, Müller, Rummenigge — und neuerdings von Spielern, die man googeln muss, um sicherzugehen, dass man sie nicht verwechselt.
Der deutsche Fan ist ein geduldiges, aber auch ein merkwürdig selbstbewusstes Wesen. Er sitzt beim Public Viewing, sieht 60 Minuten lang eine Mannschaft, die den Ball hütet wie ein Dackel einen Knochen — nämlich übervorsichtig und ohne erkennbaren Plan —, und denkt trotzdem: Wir könnten das hier noch drehen. Wir sind schließlich Deutschland.
Das ist ungefähr so realistisch wie die Hoffnung, dass die Deutsche Bahn den nächsten ICE pünktlich bringt, weil man besonders positiv denkt.
Dabei sollte man — bei kühlem Kopf und einem Blick auf die nüchternen Zahlen — eigentlich zu folgendem Ergebnis kommen: Deutschland hat bei dieser WM das Optimum herausgeholt.
Das klingt zunächst wie eine Beleidigung, ist aber tatsächlich ein Lob. Man nehme eine Mannschaft im Umbruch, mit einer Trainerfindungsphase, die so flüssig verlief wie die Digitalisierung der deutschen Verwaltung, addiere eine Fanerwartung, die irgendwo zwischen „Wir werden Weltmeister" und „Mindestens Halbfinale, oder?" pendelt, und multipliziere das Ganze mit einer WM-Gruppe, die es in sich hatte. Das Ergebnis: Ausscheiden mit Ansage, aber mit Anstand.
Aber das erzähle mal jemandem, der nach dem Aus aus dem Fanshop kommt, mit dem Trikot, das er für 99,95 Euro erstanden hat und das er jetzt als Schlafshirt trägt — aus Protest oder aus Trotz, das ist von außen nicht zu unterscheiden.
Platz 12. Hinter Kolumbien.
Um das zu verstehen, muss man wissen: In der FIFA-Weltrangliste wird nicht gemessen, wer den schönsten Fußball spielt, wer die meisten Talente hat oder wessen Nationaltrainer die überzeugendsten Pressekonferenzen gibt. Es wird gemessen, wer gewinnt. Radikal. Erbarmungslos. Ohne Stilpunkte.
Kolumbien hat gewonnen. Deutschland nicht. Platz 12. Fertig.
Das ist so, als würde man bei einem Kuchen-Wettbewerb hinter jemandem landen, der einen simplen Napfkuchen eingereicht hat — weil der Napfkuchen eben besser schmeckte als die sieben-stöckige Fondant-Torte mit Fehlkonstruktion im Erdgeschoss.
Was bleibt? Die Erkenntnis, dass Deutschland im Weltfußball gerade dort steht, wo es nach aktuellem Leistungsstand hingehört: im soliden Mittelfeld. Nicht Weltspitze, nicht Abstiegskandidat. Mittelfeld. Wie die deutsche Wirtschaft. Wie der deutsche Sommer. Wie die deutsche Bürokratie — wobei die ist eigentlich eher Weltspitze, aber im negativen Sinne.
Und Kolumbien? Die freuen sich über Platz 10. Zu Recht. Chapeau.
Vielleicht sollte Deutschland einfach mal locker bleiben, realistisch planen, die Jugend fördern und in zehn Jahren wieder angreifen. Aber das klingt nach Vernunft — und Vernunft war beim deutschen Fußballfan noch nie der beliebteste Exportschlager.
Den haben bekanntlich andere Länder übernommen.
Pep-Ironie-Fazit:
Deutschland, Platz 12, hinter Kolumbien — das ist nicht das Ende der Welt. Es ist nur das Ende der Illusion. Und Illusionen, die hat der deutsche Fußballfan glücklicherweise im Abo. Automatische Verlängerung inklusive.




