Es gab einmal eine Zeit, da standen Menschen morgens auf, tranken einen Kaffee, gingen zur Arbeit und lebten einfach so vor sich hin. Ohne App. Ohne Diagramm. Ohne tägliche Auswertung ihrer Atmung. Diese Zeit gilt heute als wissenschaftlich nicht belegbar. Der moderne Mensch dagegen lebt endlich richtig – nämlich unter ständiger Beobachtung. Allerdings nicht durch Geheimdienste, sondern durch sein eigenes Handgelenk. Dort sitzt eine Uhr, die ihm alle fünf Minuten mitteilt, dass er noch nicht gesund genug lebt. Der Tag beginnt mit der ersten wichtigen Frage:
„Wie habe ich geschlafen?“ Diese Frage beantwortet inzwischen nicht mehr der Körper, sondern eine App. Sie teilt mit, dass man acht Stunden im Bett lag, aber nur 14 Minuten „tief regenerativen Schlaf“ hatte, drei Minuten „REM-Phase“ und den Rest der Nacht vermutlich damit verbracht hat, über seine Herzfrequenz zu grübeln. Der Nutzer blickt erschöpft auf das Diagramm und sagt:
„Interessant. Ich fühle mich eigentlich ganz gut.“ Die Uhr antwortet streng:
„Nein.“
Nach dem Schlaf beginnt der wichtigste Teil des Tages: Die Bewegung. Der Mensch läuft nicht mehr, weil er irgendwo hin will. Er läuft, weil eine Zahl auf dem Display sonst beleidigt wirkt. 10.000 Schritte sind das heilige Ziel. Wer bei 9.873 stehen bleibt, fühlt sich ungefähr so erfolgreich wie ein Marathonläufer, der nach 42 Kilometern feststellt, dass die Ziellinie leider noch im Nachbarort steht. Man sieht deshalb immer häufiger Menschen, die nachts um 22:47 Uhr noch hektisch durch die Wohnung laufen. „Ich muss noch 312 Schritte. “Der Partner fragt vorsichtig:
„Warum?“Antwort:
„Weil ich sonst morgen schlechter lebe.“
Früher tranken Menschen, wenn sie Durst hatten. Heute trinken sie, wenn eine App sagt, dass sie durstig sein müssten. Das Smartphone meldet: „Zeit für 250 ml Wasser.“ Der Nutzer greift sofort zur Flasche. Nicht aus Durst, sondern aus Pflichtgefühl. Mittlerweile gibt es Menschen, die täglich vier Liter Wasser trinken, obwohl ihr Körper längst versucht, diplomatisch mitzuteilen: „Es reicht.“ Doch der Mensch vertraut lieber einer App, die vermutlich von einem Programmierer entwickelt wurde, der selbst nur Kaffee trinkt.
Auch die Entspannung wurde inzwischen vollständig optimiert. Die Meditation-App sagt:
„Heute meditieren wir 10 Minuten.“ Nach drei Minuten schaut der Nutzer auf die Uhr. Noch sieben Minuten. Der Puls steigt. Nach acht Minuten fragt sich der Nutzer:
„Warum bin ich eigentlich so gestresst beim Entspannen?“ Die App lobt anschließend:
„Großartig! Deine Achtsamkeit ist um 12 % gestiegen.“ Der Mensch fühlt sich plötzlich verpflichtet, morgen noch achtsamer zu sein.
Der Höhepunkt der modernen Zivilisation ist jedoch eine neue Kategorie von Apps. Apps, die Menschen daran erinnern, sich zu entspannen. Das funktioniert ungefähr so:
An diesem Punkt benötigt der Mensch eine weitere App, die ihm erklärt, wie man die anderen Apps ignoriert. Man wartet eigentlich nur noch auf die letzte logische Entwicklung: Die App, die meldet: „Deine Selbstoptimierung ist heute zu anstrengend. Bitte mache eine Pause vom Verbessern deiner Persönlichkeit.“
Der Mensch des 21. Jahrhunderts weiß heute alles über sich:
Nur eine Sache weiß er immer noch nicht: Warum er sich trotz perfekter Datenanalyse manchmal einfach nur müde fühlt. Vielleicht liegt es daran, dass früher ein Spaziergang einfach ein Spaziergang war. Heute ist es ein bewegungsbasierter Performance-Test mit statistischer Auswertung. Und während der Mensch auf sein Display schaut, zählt die Uhr zufrieden den nächsten Schritt:
9.874.
Foto: KI