30 Jan
30Jan

Der heilige Krieg der Warenkörbe

Es ist eine wunderbare Zeit, um ein moralisches Gewissen zu haben. Besonders, wenn man es bequem vom Sofa aus pflegen kann. Hannes Jaenicke, ein Mann, der so viel Rückgrat besitzt, dass er sogar Haie davon überzeugt, Vegetarier zu werden, hat den Fehdehandschuh geworfen: Boykottiert Amazon! Das klingt heroisch. Es klingt nach Barrikaden, nach Freiheit und nach... ja, nach was eigentlich? Wahrscheinlich nach dem Geräusch, das entsteht, wenn man versucht, eine alternative Plattform zu finden, bei der man nicht erst ein dreijähriges Studium der Logistik absolvieren muss, nur um eine Packung Zahnbürsten zu bestellen.

Die Logik des „Morgen vor der Tür“

Wir alle hassen das System. Wir verabscheuen die Ausbeutung. Aber wir verabscheuen noch mehr die Vorstellung, dass wir zwei Tage auf unsere Heißluftfritteuse warten müssten. Ein Boykott von Amazon in Deutschland ist ungefähr so effektiv wie der Versuch, eine Horde hungriger Wildschweine mit einer höflichen Bitte vom Buffet fernzuhalten. Suchen wir Alternativen? Gerne! Da gibt es den regionalen Online-Händler „Müller & Söhne“. Dort bestellt man heute, und mit etwas Glück wird der Artikel geliefert, sobald der Enkel des Inhabers seine Ausbildung zum Paketboten abgeschlossen hat. Retouren? Kein Problem! Sie müssen das Paket lediglich bei Vollmond an einer geheimen Waldkreuzung ablegen und drei Vaterunser beten. Ihr wisst, was ich meine... 😉

Der Meta-Fluch: Einsam, aber moralisch sauber

Dann ist da die Sache mit dem Mark Zuckerberg. „Boykottiert die amerikanischen Dienstleister!“ rufen wir – und teilen diesen Aufruf sofort auf WhatsApp, Instagram und Facebook. Denn seien wir ehrlich: Wer heute nicht bei Meta ist, existiert sozial gesehen gar nicht. Wenn ich meiner Frau nicht via WhatsApp mitteilen kann, dass ich in unserem Camper  gerade ein Radler öffne, dann hat dieses Radler quasi nie stattgefunden. Ohne Meta ist die Kommunikation mit der Umwelt etwa so einfach wie Rauchzeichen bei Windstärke 12. Aber hey, wir haben Prinzipien! Wir nutzen dann eben... ja, was eigentlich? Brieftauben? Die kacken einem wenigstens nicht die Timeline mit personalisierter Werbung voll, dafür aber die Windschutzscheibe des e-Autos.

Die China-Falle: Billig ist das neue Edel

Und wenn wir schon dabei sind: Keine Billigprodukte aus China! Temu, AliExpress und Banggood sind tabu. Wir kaufen lieber „Qualität“. Dass die „Qualitätsware“ beim hiesigen Fachhändler aus derselben Fabrik in Shenzhen plumpst wie das 2-Euro-Gadget, ignorieren wir diskret. Es ist wie bei einem guten Zaubertrick: Wenn man fest genug daran glaubt, dass der doppelte Preis auch doppelt so viel Moral enthält, dann schläft es sich nachts einfach besser.

Das Fazit der Doppelmoral

Wir sind schon ein lustiges Völkchen. Wir fahren Elektroautos, um die Welt zu retten, und lassen uns die Bio-Avocado von einem unterbezahlten Kurier im Diesel-Laster bis ans Bett liefern. Wir schimpfen auf Trump, während wir unsere Serie auf einem amerikanischen Streamingdienst schauen, der mit unseren Daten handelt wie auf einem orientalischen Basar. Ein Boykott funktioniert deshalb nicht, weil wir längst Teil des Inventars geworden sind. Wir sind wie die Maus, die sich über den Käse beschwert, während sie gemütlich in der Falle sitzt und fragt, ob es den Speck auch in „Low Carb“ gibt.


Vielleicht sollten wir einfach ehrlich sein: Wir boykottieren nicht, wir shoppen uns nur durch unsere Schuldgefühle. Und Hannes? Der hat wahrscheinlich recht. Aber er hat auch einen Wohnsitz in Amerika. Da ist der Weg zum nächsten Paketshop vermutlich kürzer als bei uns die Leitung zum gesunden Menschenverstand.

Foto: Youtube

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