Früher musste man sich Expertise mühsam erarbeiten. Jahre der Ausbildung, Erfahrung, vielleicht sogar mal danebenliegen und daraus lernen. Heute reicht ein Stuhl im Studio, ein Mikrofon und der Satz: „Also ich sehe das so …“ Und schon ist er da: Der Experte. Nicht irgendein Experte. Nein. Ein Universalexperte. Ein Mensch, der sich mit Fußballtaktik, Weltpolitik, Virologie, Klimawandel, Inflation, Ernährung und dem Paarungsverhalten nordischer Elche gleichermaßen auskennt – je nachdem, was gerade Sendezeit hat.
Besonders schön zu beobachten ist das Phänomen im Sport. Ein ehemaliger Profi, der zuletzt 1998 einen Ball geradeaus schießen konnte, erklärt heute mit ernster Miene, warum ein 19-jähriger Spieler „noch nicht reif genug für das System“ ist. Ein System, das es 1998 noch gar nicht gab. Er analysiert Pressinghöhen, Raumaufteilung und mentale Stabilität – Begriffe, die zu seiner aktiven Zeit ungefähr so bekannt waren wie WLAN in der Kreisliga. Sein größter Vorteil:
Er war mal dabei.
Sein größtes Problem:
Er glaubt, das wäre noch relevant.
Dann gibt es die politische Talkshow.
Ein faszinierendes Biotop. Hier trifft man immer dieselben Gesichter. Immer. Wirklich immer. Es gibt mittlerweile vermutlich eine interne Bonuskarte:
„10 Auftritte bei Miosga – der 11. ist kostenlos.“ Die Gäste wechseln nicht – nur die Themen.
Und selbst das ist optional. Ob Energiekrise, Migration oder Weltfrieden – die Argumente bleiben gleich, nur die Überschrift wird angepasst. Man hat manchmal den Eindruck, es gäbe in Deutschland exakt zwölf Menschen mit Meinung. Und alle wohnen zufällig in der Nähe eines Studios.
Zu Beginn internationaler Konflikte wird dann traditionell der General außer Dienst aktiviert. Er ist ungefähr so alt wie die Landkarte, die er erklärt. Mit ruhiger Stimme analysiert er Truppenbewegungen und sagt Sätze wie:
„Das erinnert mich an ’72.“ Was genau, bleibt offen.
Aber es klingt beeindruckend. Ob er tatsächlich weiß, wie ein moderner Krieg geführt wird, ist zweitrangig.
Wichtig ist: Er hat einmal eine Uniform getragen.
Das reicht für lebenslange Deutungshoheit.
Sobald irgendwo ein Preis verliehen wird, tritt sie auf:
Die Promi-Expertin. Sie weiß genau, wer „heute ganz groß rauskommen könnte“ – und erklärt anschließend, warum genau diese Person gewonnen hat. Ihre Spezialfähigkeit:
Im Nachhinein immer recht haben. Sie bewertet Kleider, Reden und Gesichtsausdrücke mit einer Sicherheit, als hätte sie selbst schon drei Oscars, zwei Grammys und einen Kaffeepreis in Buxtehude gewonnen.
Und dann ist da noch die größte Expertenschmiede unserer Zeit: Das Internet. Hier genügt ein Profilbild und ein WLAN-Zugang. Innerhalb von Sekunden wird aus jedem Nutzer ein:
Besonders beeindruckend sind Menschen, die gleichzeitig wissen, wie man eine Wirtschaft rettet, einen Krieg beendet und den perfekten Hefeteig hinbekommt. Multitasking auf höchstem Niveau.
Das Faszinierende ist nicht, dass es Experten gibt.
Das Problem ist: Es gibt keine Nicht-Experten mehr. Jeder weiß alles.
Jeder hat eine Meinung.
Und vor allem: Jeder hält sie für unverzichtbar. Früher sagte man:
„Ich kenne mich da nicht aus.“ Heute sagt man:
„Ich hab da ein Gefühl.“ Und dieses Gefühl hat erstaunlich oft Sendezeit.
Wir leben nicht mehr in einer Informationsgesellschaft.
Wir leben in einer Interpretationsgesellschaft. Fakten sind da – irgendwo.
Aber wichtiger ist, wer sie wie kommentiert. Und so sitzen sie Abend für Abend da:
Die ehemaligen Spieler, die Dauer-Gäste, die Generäle, die Promi-Erklärer und die Internet-Allrounder. Alle mit einer klaren Botschaft: „Ich weiß es nicht genau – aber ich sag’s trotzdem.“
Foto: KI