Die Kassen sind leer...

... aber die Ironie ist voll
Es gibt Nachrichten, die einen überraschen, und es gibt Nachrichten, die so verlässlich wiederkehren wie der erste Schnee oder die Steuererklärung. Zur zweiten Kategorie gehört die jährliche Meldung: Den gesetzlichen Krankenkassen fehlt Geld. Diesmal sogar noch mehr als gedacht. Die Lage gilt offiziell als "extrem angespannt" – ein Satz, den man inzwischen auswendig mitsprechen kann, ungefähr so wie das Wetter im Weihnachtsurlaub: "dieses Jahr leider wieder etwas durchwachsen."
Man könnte fast eine Statistik führen: Jedes Jahr wird reformiert, jedes Jahr ist das Loch größer als im Vorjahr. Das ist konsequent, das muss man anerkennen. Wenn schon Defizit, dann bitte mit Wachstumsgarantie.
Reform – das deutsche Wort für "Wir verschieben das Problem in eine hübschere Verpackung"
Reformiert wird in diesem Land fast alles – außer offenbar das eigentliche Problem. Das Prinzip erinnert ein bisschen an die eigene Abstellkammer: Man räumt nicht auf, man kauft ein neues Regal. Irgendwann hat man sieben Regale und immer noch das alte Chaos, nur jetzt schöner sortiert nach Kategorie "ungelöst".
So auch hier: Beitragssätze werden angepasst, Zusatzbeiträge erhöht, Kommissionen gegründet, Eckpunktepapiere verfasst – und am Ende des Prozesses steht ungefähr das, womit man angefangen hat, nur mit mehr Bürokratie und einem neuen Logo für die nächste Reform-Initiative.
Die Expertenrunde: Deutschlands liebste Dauerschleife
Kaum ist die Meldung über die Finanzlücke draußen, ist auch die Talkshow-Maschinerie angelaufen. Vier Experten, ein Moderator, ein Balkendiagramm – und 75 Minuten später weiß man: Die Lage ist ernst, eine Lösung ist kompliziert, und man sollte das Thema "differenziert betrachten". Das ist die deutsche Version von Problemlösung: Man bespricht es so lange aus allen Blickwinkeln, bis das eigentliche Problem aus Erschöpfung von selbst aufgibt. Hat es aber noch nie.
Es ist wie bei einem tropfenden Wasserhahn, zu dem man nicht den Klempner ruft, sondern erstmal eine Familienkonferenz einberuft, ob der Tropfen vielleicht symbolisch zu verstehen sei.
Verwalten statt lösen – eine Nationaldisziplin mit Tradition
Andere Länder haben Fußball, Wein oder Karneval als Nationalsport. Deutschland hat die Verwaltung von Problemen, statt sie zu lösen, fast schon zur Kunstform erhoben. Man könnte glatt eine Goldmedaille dafür einführen: Disziplin "Strukturiertes Nicht-Entscheiden", Wertung nach Aktenordnern pro Quadratmeter.
Das Loch in der Krankenkasse wächst also Jahr für Jahr verlässlich weiter – beinahe schon wie eine Zimmerpflanze, die man konsequent vergisst zu gießen, aber jedes Jahr erstaunt feststellt: "Komisch, die wird ja immer größer." Dabei bräuchte es nur eine simple Maßnahme: Gießen. Oder, übersetzt auf die Gesundheitspolitik: einmal eine echte Entscheidung statt der zwölften Kommission.
Fazit
Am Ende bleibt die schöne deutsche Erkenntnis: Eine Reform ist erfolgreich, wenn sie stattgefunden hat – nicht, wenn sie etwas verändert hat. Die Kassen sind leer, die Ironie ist voll, und die einzige Konstante in diesem System ist die Zuverlässigkeit, mit der man im nächsten Jahr wieder "extrem angespannt" sagen wird. Man muss Deutschland fast bewundern: Wo andere Nationen an Problemen verzweifeln, hat man hier gelernt, sie liebevoll zu pflegen wie ein Haustier, das zwar nichts bringt, aber irgendwie zur Familie gehört.




