Der König ohne Trikot

oder: Wie man die Weltfußballseele in Raten verkauft
Es war einmal ein Mann namens Gianni Infantino, der 2016 zur FIFA kam wie der neue Hausmeister nach einem Hausbrand: Die Asche rauchte noch, der Gestank des Blatter-Skandals hing über dem Zürichsee wie eine Gewitterwolke über einem Golfplatz, und alle dachten: schlimmer kann es nicht werden. Infantino nickte verständnisvoll, knöpfte seinen maßgeschneiderten Anzug zu und sagte sinngemäß: „Ich mache das jetzt besser."
Und das tat er. Zumindest eine Weile. Zumindest in der Außendarstellung.
Phase 1: Der strahlende Retter
In seinen ersten Jahren wirkte Infantino ungefähr so, wie ein frisch polierter WM-Pokal wirkt: glänzend, eindrucksvoll und irgendwie zu gut, um echt zu sein. Er redete von Transparenz. Er redete von Reformen. Er redete überhaupt sehr viel – was bei der FIFA schon als Fortschritt gilt, wenn man bedenkt, dass sein Vorgänger am Ende hauptsächlich mit seinem Anwalt redete.
Blatter hatte Briefumschläge verteilt. Infantino verteilte Entwicklungsgelder. Der Unterschied ist ungefähr so groß wie der zwischen einem Briefumschlag aus braunem Papier und einem mit goldenem Siegel – der Effekt aufs Empfängerkonto ist der gleiche, aber die Optik ist deutlich besser.
Phase 2: Die Kunst des „legalen" Dankesvotums
Infantino entdeckte früh eine wunderbare Eigenschaft des FIFA-Kongresses: Er besteht aus 211 Mitgliedsverbänden. Das klingt demokratisch. Das ist demokratisch. Nur dass die Stimme von Deutschland genauso viel zählt wie die Stimme von San Marino – einem Land, in dem mehr Ziegen als Fußballspieler leben. (Mea culpa, das ist nicht belegt. Aber es klingt plausibel.)
Infantino verstand: Wer 150 kleine Verbände mit Fördermitteln, Fußballplätzen und Trainerausbildungen versorgt, hat 150 dankbare Wähler. Das ist weniger Korruption als vielmehr eine Art institutionalisiertes Weihnachten, bei dem der Weihnachtsmann gleichzeitig derjenige ist, der die Wahl zum beliebtesten Weihnachtsmann organisiert.
Das Ergebnis: Infantino wurde wiedergewählt. Und wiedergewählt. Und dann noch mal. Mittlerweile ist er so unantastbar wie ein Verkehrsschild in einem Land ohne Führerscheinpflicht – theoretisch zuständig, praktisch ignoriert von den Großen, geliebt von den Kleinen.
Phase 3: Vom Fußballfunktionär zum Staatsfreund
Irgendwann hörte Infantino auf, nur FIFA-Präsident zu sein. Er begann, Infantino zu sein. Großbuchstaben. Unterstrich. Ausrufezeichen optional.
Er tauchte auf bei Erdoğan. Bei MBS. Bei Putin. Bei jedem Staatsführer, dem eine internationale Bühne gerade zu Gesicht stand. Und stets mit demselben Satz im Repertoire: „Mein Freund." Als würde er eine Handtasche mit 211 Visitenkarten von Staatsoberhäuptern mit sich tragen. „Ach, Sie kennen den Sultan von X nicht? Warten Sie, ich habe hier seine Nummer – er ist ein sehr guter Freund von mir."
Das erinnert ein bisschen an den Typ auf jeder Party, der behauptet, jeden zu kennen – den Barmann, den DJ, den Bürgermeister und mindestens einen FIFA-Schiedsrichter. Nur dass Infantino auf Partys geht, bei denen Panzerwagen zur Dekoration gehören.
Phase 4: Die WM als Selbstbedienungsladen
Dann kam das große Werk: Die WM-Erweiterung auf 48 Teams. Mehr Spiele. Mehr Länder. Mehr Einnahmen. Mehr Freunde, die dankbar Einladungen entgegennehmen.
Aber 48 Teams? Pff. Das war nur der Anfang. Für die WM 2030 – auf drei Kontinenten gleichzeitig, weil ein Kontinent für Infantino irgendwann so provinziell wirkt wie ein Kreispokalfinale – waren plötzlich über 60 Teams im Gespräch. Man stelle sich vor: 60 Nationen. Gruppenspiele, die sich anfühlen wie eine unendliche Geschichte ohne Buchverfilmungsrechte. Spiele, bei denen Länder gegeneinander antreten, die ihren Gegner bislang nur aus dem Schulatlas kannten. Das Turnier würde weniger an eine Weltmeisterschaft erinnern als an eine sehr große, sehr teure Betriebsfeier mit Fußballtoren.
Dann: Die WM in Katar – in einem Land, in dem im Sommer selbst die Kamele nach drinnen flüchten. Aber Infantino war begeistert. „Mein Freund, der Emir" sorgte dafür, dass plötzlich Klimaanlagen für Outdoor-Stadien eine technische Notwendigkeit wurden. Das Projekt war ungefähr so ökologisch sinnvoll wie ein Benzinmotor-Rasenmäher in einer Windkraftanlage.
Dann: Die Club-WM als neues Megaevent, vermarktet wie ein Blockbuster, geplant wie ein Schnellrestaurant und letztlich so begeistert aufgenommen wie eine Zahnarztrechnungsbenachrichtigung per WhatsApp.
Und dann: Der vorläufige Höhepunkt des Größenwahns. Die Idee, Anteile an den kommerziellen WM-Rechten schlicht an private Investoren zu verhökern. Die Fußball-Seele zum Sonderpreis, verpackt in eine schmucke FIFA-Aktie. Quasi: Wer 500 Millionen mitbringt, darf künftig mitentscheiden, wann Anstoß ist. Als hätte jemand beschlossen, den Kölner Dom zu versteigern – nicht den Gottesdienst darin, sondern das ganze Gebäude, Türme inklusive, nebst Lizenzrechten für das Kreuz-Logo.
Phase 5: Die Notbremse – und das Ende?
Es gibt diesen Moment in jedem Zaubertrick, in dem das Publikum merkt: Das ist kein Trick mehr. Das ist einfach jemand, der meine Uhr geklaut hat.
Dieser Moment war der Investorendeal.
Der Patient Weltfußball, der bislang alles geduldig geschluckt hatte – Katar, 60 Teams, Club-WM –, schüttelte plötzlich doch noch einmal den Kopf. Und zwar so kräftig, dass der Zustand kurz an einen Patienten erinnerte, der auf der Bahre aufsteht und ruft: „Bis hierher und nicht weiter!"
Die UEFA schäumte. Verbände drohten mit Boykott. Selbst enge Berater aus dem inneren Kreis traten entsetzt zurück – was bei der FIFA in etwa so ungewöhnlich ist wie ein freiwilliger Steuerzuschlag. Der Aufschrei war so gewaltig, dass Infantino die Notbremse ziehen und den Deal zähneknirschend abblasen musste.
Zum ersten Mal seit Jahren wirkte Infantino nicht wie der Dirigent, der das Orchester nach Belieben führt – sondern wie jemand, dem mitten im Konzert der Taktstock aus der Hand geschlagen wurde.
Und jetzt stellt sich die Frage, die bislang niemand ernsthaft zu stellen wagte: Ist das sein Ende? Hat er zu oft den falschen Freund umarmt, zu viele Deals geschmiedet, zu viele Grenzen getestet? Hat der Weihnachtsmann seinen Schlitten überladen?
Die Europäer, die großen Verbände, die bislang die Nase gerümpft, aber den Mund gehalten haben, reden plötzlich von „Grenzen" und „Werten" und „institutionellem Respekt" – Begriffe, die in FIFA-Sitzungssälen ungefähr so selten zu hören sind wie das Wort „Sparmaßnahme" auf einem Staatsbankett.
Doch Infantino hat vorgesorgt. Seine 150 treuen Stimmgeber aus Verbänden, die teilweise weniger Budget haben als ein durchschnittlicher Kreisligaverein in Bayern, werden ihn nicht fallenlassen. Weil er für sie ist, was Blatter für sie war: Geldquelle, Schirmherr, Weihnachtsmann. Und Weihnachtsmänner stürzt man nicht – man wartet, bis die Geschenke ausbleiben.
Das System Infantino ist in sich perfekt und in sich wahnsinnig zugleich – wie ein Perpetuum Mobile, das tatsächlich funktioniert, solange niemand fragt, wo der Strom herkommt. Doch zum ersten Mal stottert die Maschine. Und manchmal genügt ein einziger Kurzschluss.
Epilog: Worum geht es wirklich?
Geld? Sicher. Macht? Zweifellos. Aber vielleicht ist es noch etwas anderes.
Vielleicht ist Infantino jemand, der als Kind beim Fußball nie mitspielen durfte – zu klein, zu langsam, zu wenig Torriecher – und der jetzt die einzige Rache nimmt, die wirklich befriedigend ist: Er besitzt den Ball. Den ganzen Ball. Und alle anderen dürfen nur dann spielen, wenn er das sagt.
Er nennt die mächtigsten Männer der Welt „meine Freunde". Er entscheidet, wer eine WM bekommt. Er bestimmt, wie viele Teams, in welchem Format, in welchem Land, zu welchem Preis.
Und irgendwo im Ticker läuft derweil: Nächste WM 2030. Auf drei Kontinenten. Mit über 60 Teams. Ursprünglich für einen Investor gedacht. In einer Klimaanlage. Ohne Investorenanteil – vorerst.
Man fragt sich unwillkürlich: Wann endet das? Und die ehrliche Antwort lautet: erst dann, wenn auch der letzte seiner „Freunde" merkt, dass er nicht eingeladen war – sondern nur benutzt wurde.
Aber bis dahin lächelt Infantino. Breit. Maßgeschneidert. Unantastbar.
Pep-Ironie-Fazit: Blatter hat die FIFA in den Keller gewirtschaftet. Infantino hat den Keller renoviert, ihn zur Sehenswürdigkeit erklärt und Eintrittskarten verkauft. Fortschritt ist relativ.
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