251.000 Euro – und plötzlich arm

Ein offener Brief an die Nation: Wir sind die neuen Armen
Es gibt Momente in der Geschichte, die alles verändern. Den Fall der Mauer. Die Mondlandung. Den Tag, an dem jemand beschlossen hat, dass Ketchup ins Kühlschrank gehört.
Und jetzt das hier.
Die Koalition hat nach zähem Ringen entschieden: Der sogenannte „Reichensteuersatz" soll künftig bereits ab 250.000 Euro Jahreseinkommen greifen. Bisher lag die Grenze bei 280.000 Euro. Das sind 30.000 Euro weniger. Dreißigtausend. Ausgerechnet.
Ich schreibe diese Zeilen mit zitternden Händen – nicht weil ich betroffen bin, sondern weil mir das Weinen fehlt, das dem Ernst der Lage gerecht werden würde.
Akt I: Das stille Sterben der Mittelschicht mit Porsche Cayenne
Stellen wir uns kurz Herrn Bernhard K. vor. Bernhard verdient 251.000 Euro im Jahr. Netto natürlich weniger, aber das wissen wir alle. Bernhard ist kein Bonze. Bernhard ist ein Mensch. Er hat Gefühle. Er hat drei Kinder (die natürlich alle Privatschule besuchen, aber das ist reine Koinzidenz). Er hat eine Finca auf Mallorca, aber nur eine kleine – man kennt das.
Und jetzt? Jetzt soll Bernhard plötzlich zum Reichensteuersatz-Opfer werden.
Das ist ungefähr so gerecht, als würde man jemandem den Nobelpreis verweigern, weil sein Name auf der Liste um eine Zeile zu weit oben steht. Eine Katastrophe, die die Geschichte Bücher füllen wird.
Bernhard hat mir noch nicht persönlich geschrieben. Aber ich fühle seinen Schmerz. Ich bin Blogger. Das ist mein Job.
Akt II: Der dramatische Verlust der vierten Luxusyacht
Lassen wir die Zahlen sprechen – weil Zahlen selten lügen, aber Menschen sie gerne missdeuten.
Vor der neuen Regelung konnte Bernhard in Ruhe sein Jahresgehalt auf ein hübsches Steuerkonstrukt aufteilen, das irgendwo zwischen „clever" und „bitte nichts Genaues fragen" lag. Jetzt aber greift der Spitzensteuersatz 30.000 Euro früher. Das bedeutet: Mehrbelastung.
Diese Mehrbelastung ist in etwa so dramatisch wie der Unterschied zwischen vier Luxusyachten und dreieinhalb. Die halbe Yacht – und das möchte ich ausdrücklich betonen – ist kein vollständiges maritimes Erlebnis.
Wohin mit den Gästen beim Cannes-Besuch? Auf die Treppe zur Kajüte, die nicht existiert? In welchem Hafen parkt man eine halbe Yacht, ohne dass die Nachbaryacht mitleidig rüberguckt?
Das sind Fragen, die sich die Politik offenbar nicht gestellt hat.
Akt III: Die Union knickt ein – oder: Der Tag, an dem das Abendland zitterte
Besonders bitter in diesem Drama: Es war die Union, die beim Feilschen mit der SPD nachgegeben hat.
Dabei hatten wir doch alle fest damit gerechnet, dass die Union standhaft bleibt – so wie ein Navigationsgerät, das mit dem Orientierungssinn einer Topfpflanze ausgestattet ist, aber wenigstens weiß, wo es steht. Doch nein. Man einigte sich. Man rückte näher zusammen. Man fand einen Kompromiss.
In Deutschland nennen wir das auch „Koalition", also das politische Äquivalent zu zwei Menschen, die gemeinsam ins Restaurant gehen und am Ende beide etwas essen, das keiner von beiden wollte.
Das Ergebnis: 250.000 Euro statt 280.000. Die SPD jubelte leise. Die Union erklärte, sie habe eigentlich gewonnen. Und Bernhard weinte – still, aber würdevoll, in seiner zweiten Finca.
Epilog: Solidarität mit den Vergessenen
Ich rufe hiermit zur Gründung einer Selbsthilfegruppe auf.
„Neue Arme e.V." – für alle, die mit mehr als 250.000 Euro Jahresgehalt nun endlich das bekommen, was sie verdienen: gesellschaftliches Mitgefühl.
Wir treffen uns jeden dritten Mittwoch im Monat. Abwechselnd in Sylt und St. Moritz, je nach Jahreszeit. Dresscode: lässig. Getränke: nicht aus der Minibar, die kostet ja extra. Wir sind jetzt arm. Wir müssen sparsam sein.
Der Beitrag zur Mitgliedschaft beträgt 29.999 Euro jährlich – damit wir knapp unter dem Spitzensteuersatz-Trigger bleiben. Man muss ja clever haushalten.
Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis: In einem Land, in dem man ab 250.000 Euro als „reich" gilt, ist offenbar das einzige, das noch ärmer ist als Bernhard, die öffentliche Debatte darüber.




